Schlusslicht

Lametta | Bildquelle: dpa

Lametta-Produktion in Deutschland eingestellt Es hat sich ausgeglitzert

Stand: 17.12.2015 17:40 Uhr

Im Dezember sagt ja immer irgendwer, früher sei mehr Lametta gewesen, und lächelt dabei im seligen Gedenken an Loriot. Dabei ist der Spruch top-aktuell. Denn in Deutschland ist die Produktion von Lametta endgültig eingestellt worden. Besonders betrüblich daran: Die Firma ist nicht mal besonders traurig darüber.

Von Eckart Aretz, tagesschau.de

"Riffelmacher und Weinberger" - ein Name ist das, der gleich nach guter, alter Zeit klingt. Man sieht den rüstigen Patriarchen förmlich vor sich, die redlichen Facharbeiter in ihrem unermüdlichen Bemühen um hervoragende Produkte, und dann ist da dieser Hauch von weihnachtlichem Knistern und Glühweinseligkeit. Wundert irgendwen, dass die Firma aus dem fränkischen Roth seit mehr als 90 Jahren Lametta produziert hat?

Dutzende Tonnen des glänzenden Stanniols verließen einst die stolzen Fabriken, in Gold und Silber, auf dass es eine Pracht war im deutschen Wohnzimmer und der Raum gebührend leuchtete, wenn Vati die Glocke schwang und die Familie endlich, endlich hineindurfte. Und dann: "Kinder, schaut nur, der Baum!" Nachfolgend Beginn der Überreichung von Krawatte, Parfum und gutem Buch, anschließend fettiger Braten oder Eimersalat an Bockwurst. Die Krönung: ein schönes Glas Weinbrand.

Die moderne Familie verfügt über andere Mittel

Lametta war so gesehen das Ornament der Wirtschaftswunderzeit, das Brokat einer heilen Welt. Schön war's, zweifellos. Andererseits: Tempi passati, wie der Lateiner sagt, der ja nie irrt. Heute schwingt Vati eben nicht mehr die Glocke, das Wohnzimmer wird nicht mehr den ganzen Tag lang abgeschlossen und Lametta hängt sich auch keiner mehr an die Tanne.

Auch der in diesen Dingen sehr kundige Bundesverband für den gedeckten Tisch, Hausrat und Wohnkultur spricht es schonungslos aus: Lametta wird seit einigen Jahren kaum noch nachgefragt. Stattdessen: Lichterketten mit LED-Technik. Nachhaltige Produkte aus Holz.

Lametta | Bildquelle: dpa
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Wer möchte da nicht das Lametta durch die Finger rieseln lassen? Aber Beeilung ist geboten: Aus hiesiger Produktion gibt es nur noch Restbestände.

Wer wird schon wegen Stanniol weinen?

Riffelmacher und Weinberger haben sich nun der Macht des Marktes gebeugt und die Produktion von Lametta eingestellt, als letzte Firma in Deutschland. Und bevor irgendjemanden die Sentimentalität übermannt, geht das Wort an Verkaufsleiter Walter Enzenhöfer, der der "Süddeutschen Zeitung" verriet, er weine dem Lametta keine Träne nach.

So nüchtern ist Weihnachten geworden. Nicht einmal die Produzenten von Lametta hängen an dem Baumschmuck und man fragt sich, welche Bastion der Heimeligkeit als nächste geschleift wird von wetterwendischen Verbrauchern und herzlosen Herstellern. Die gute alte Christbaumkugel gar, womöglich auch die Weihnachtsgurke? Nicht auszudenken.

Wirklich freuen können sich über das Verschwinden von Lametta nur Diktatoren und andere Unterdrücker mit Vorliebe für operettenhafte Uniformen. Ihnen wird erspart bleiben, was die Sängerin Claire Waldoff einst über den üppig behängten Reichsmarschall Hermann Göring sang: "Rechts Lametta, links Lametta, und der Bauch wird immer fetta..."

Der weißrussische Präsident Lukaschenko | Bildquelle: dpa
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Auf dieser Brust wäre noch Platz für ordentlich Lametta.

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