Schlusslicht

Kinosaal | Bildquelle: picture alliance / dpa

Filmzensur Gutachter, die auf eine Ziegelwand starren

Stand: 26.01.2016 09:53 Uhr

Die britische Filmzensurbehörde muss jeden Film freigeben. Dafür lässt sie sich saftige Gebühren zahlen. Den Filmemacher Charlie Lyne ärgerte das. Er hatte eine Idee, wie er die Begutachter quälen könnte. Mit einer Ziegelwand, auf die sie 607 Minuten lang gucken mussten.

Von Wulf Rohwedder, tagesschau.de

Er dauerte rund acht Stunden, hatte weder Ton noch Farbe und zeigte nur eine einzige Perspektive: die oberen Stockwerke des Empire State Buildings in New York. Bisher galt der Film "Empire" von Andy Warhol aus dem Jahr 1964 als der wohl langweiligste Streifen der Welt. Das neueste Werk des britischen Filmemachers Charlie Lyne dürfte diesen Rekord locker schlagen. Es zeigt: Farbe beim Trocknen. Auf einer Ziegelwand. In cinematographisch einwandfreier Qualität. 607 Minuten lang.

Teure Exklusivvorstellungen

Screenshot der Kickstarter-Seite von Charlie Lyne
galerie

Die Kickstarter-Seite von Charlie Lyne

Zugegeben - wirklich avantgardistisch ist das heutzutage nicht mehr. Das soll der Film aber auch gar nicht sein. Vielmehr wollte Lyne damit die britische Filmzensurbehörde ärgern. Die muss nämlich jeden Film freigeben, bevor er in britischen Kinos gezeigt werden darf - und verlangt dafür saftige Gebühren: 7,09 Pfund (9,33 Euro) pro Minute. Für viele unabhängige Filmemacher ein echter Schlag ins Budget.

Filmfolter im Minutentakt

Das brachte Lyne auf eine Idee: Er drehte den speziellen Farbfilm und begann eine Kickstarter-Kampagne, um die Gebühren für die Begutachtung zu sammeln. Je mehr Spenden zusammenkamen, umso länger ist der Streifen, den er bei den Zensoren einreicht. Und diese sind laut den eigenen Richtlinien verpflichtet, jeden eingereichten Film vom Anfang bis zum Ende in Echtzeit anzusehen.

Knapp 6000 Pfund wurden durch die Kampagne gesammelt. Nach Abzug der Kickstarter-Gebühren und Aufschlag der Mehrwertsteuer - die Farbe kostete sicher auch noch etwas - reichte das, um besagte 607 Minuten bewerten zu lassen. Dabei hatten die Zensoren noch Glück: Lyne hatte 14 Stunden Material in petto. Trotzdem müssen sie wohl mehrere Tage für die Sichtung einplanen, um die tägliche Höchstsichtzeit nicht zu überschreiben.

Bald auch in Ihrem Kino?

Sollte der Film für unbedenklich erklärt und freigegeben werden, werden Cineasten wohl trotzdem noch etwas auf die Premiere warten müssen: Die Verhandlungen mit den Kinos, in denen das Werk laufen könnten, ziehen sich laut Lyne noch immer hin. Aber Fans solcher speziellen Werke haben sicher kein Problem, sich in Geduld zu üben.

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