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Schlusslicht

Schlusslicht vom 31.5.2012

Scheidung auf Japanisch

Happy End mal wörtlich

Es ist wie eine Hochzeit, nur unter umgekehrten Vorzeichen: In Tokio erfreuen sich feierliche Scheidungszeremonien wachsender Beliebtheit. Die frisch Geschiedenen zelebrieren das Ende ihres Lebenstraums - rosa Plastikfrosch inklusive. Bleibt die Hoffnung, dass beim nächsten Mal alles besser wird.

Von Jürgen Hanefeld, ARD-Hörfunkstudio Tokio

Es ist ein Hammerschlag, mit dem Anri und Dais‘ke ihre Ehe buchstäblich zertrümmern. Die beiden hatten sich geirrt, als sie vor vier Jahren heirateten, jetzt feiern sie mit Freunden das Ende dieses Irrtums. Den Hammer führen die ehemals Verheirateten gemeinsam - so wie das Kuchenmesser damals bei der Hochzeitstorte. Unter dem Hammer zerspringt ein Ring.

Blick in eine rosige Zukunft

Ein Grund zum Verzagen? Für Anri nicht wirklich: "Ich bin erleichtert. Auch etwas traurig, aber ich wollte die Scheidung, und auch diese Zeremonie, um vorwärts zu kommen. Ich blicke in eine rosige Zukunft!"

Rosig wie der scheußliche Plastikfrosch, dem die Reste des Rings ins Maul gestopft werden. Auch das hat Symbolkraft: Das japanische Wort für Frosch, Kaeru, bedeutet gleichzeitig: zurückzukehren - ins Singledasein.

Fröhliche Scheidung! - Das Ende einer Ehe als Event
J. Hanefeld, ARD Tokio
31.05.2012 15:21 Uhr

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Anris Ex-Mann ist weniger euphorisch, eher betrübt. Er hat sich, wie er sagt, überzeugen lassen: "Normalerweise ist eine Scheidung in Japan nichts weiter als ein Stück Papier. Aber so, mit diesem öffentlichen Bekenntnis zur Trennung, kann ich vielleicht besser damit umgehen."

"In Japan wird heute jede dritte Ehe geschieden", erklärt Hiroki Torai, der sich dieses seltsame Spektakel hat einfallen lassen. "Die Scheidung wird immer normaler. Trotzdem wissen viele Scheidungswillige nicht, wie sie das ihren Freunden und Verwandten beibringen sollen. Da hab ich mir gedacht: Die Hochzeit wird doch auch gefeiert. Warum dann nicht die Trennung?"

Was wünscht man nur seinen geschiedenen Freunden?

Treffpunkt ist der Sen-so-ji-Tempel, der älteste in Tokio. Hier versammeln sich das amtlich bereits geschiedene Paar und die Scheidungsgesellschaft in feierlicher Kleidung. Anri und Dais’ke dürfen in Rikschas sitzen, 16 Freunde folgen zu Fuß in einer kleinen Prozession, die nach einer Viertelstunde in einen Hof führt. Hier haben die Gäste Gelegenheit, ihre Wünsche in ein Scheidungsbuch einzutragen.

Eine Freundin der beiden meint: "Ich finde es sehr schade, dass sie sich trennen, aber wenn sie auf diese Weise ihr Glück finden, ist das auch okay. Ich hab' geschrieben, dass ich auf jeden Fall weiter mit beiden befreundet sein will."

Auch eine andere Freundin von Anri scheint die Trennung des Ex-Paars eher pragmatisch zu sehen: "In den vier Jahren ihrer Ehe habe ich auch ihren Mann schätzen gelernt. Als sie heirateten, habe ich ihnen ein gemeinsames Glück gewünscht, jetzt wünsche ich ihnen Glück auf ihren getrennten Wegen."

Herr Torai, im schwarzen Anzug, hat unterdessen Ess-Stäbchen an die Gäste verteilt. Später sollen sie symbolträchtig zerbrochen werden. Doch zunächst hält er eine Ansprache, in der es um die Motive der Trennung geht und das zerbrochene Glück. Dann kommen auch die Geschiedenen selbst zu Wort, beteuern öffentlich, dass sie dem Ex-Partner nichts nachtragen wollen, und bedauern, dass alles so gekommen ist.

Traditionelle Hochzeit in Japan
galerie

Wer sich feierlich scheiden lassen möchte, muss natürlich zunächst ordnungsgemäß verheiratet sein. Im Bild: traditionelle japanische Hochzeit

"Ich werde erst mal nicht wieder heiraten"

"Anri hatte einen Traum vom Eheglück, den ich nicht erfüllen konnte",  bekennt der 27-jährige Logistikfachmann bleich und ernst. "Wir sind beide beruflich sehr eingespannt und nur noch zum Schlafen zuhause. Zu sagen hatten wir uns auch nichts mehr. Und nun ist Anri auch noch aufgestiegen in ihrer Firma. Deswegen habe ich in die Scheidung eingewilligt. Und weil mir selbst mein Job so wichtig ist, werde ich erst mal nicht wieder heiraten."

Seine gleichaltrige Ex-Frau, die - wie sie sagt, etwas Kaufmännisches macht - findet es schick, Amerikanisch zu sprechen - was er nicht versteht: "Ich bedaure, dass ich so viel Wert auf meine Karriere gelegt habe. Ich hätte mich mehr um ihn kümmern müssen. Also bei der nächsten Ehe werde ich eher an sowas wie Familienglück denken, nicht nur an den Job."

Auch wenn es leicht dahin geplappert klingt wie in einer Seifenoper, dahinter steckt ein nicht nur japanisches Problem: Seit junge Frauen Karriere machen, ist kaum noch Zeit für Familie und Kinder. Japan wird zu einer Gesellschaft von Singles. Der pfiffige Scheidungsunternehmer Torai nutzt diesen Trend auf immerhin originelle Weise.

Who's next? Das Blumenstraußorakel

"Für gut 130 Paare habe ich schon Scheidungsfeste ausgerichtet, und seit dem Unglück von Fukushima hat sich die Nachfrage sogar verdreifacht", sagt Torai. Viele junge Ehepaare würden sich plötzlich fragen, ob sie wirklich den Rest des Lebens mit ihrem Partner verbringen wollten.

Unsicher und orientierungslos ist Japans Gesellschaft geworden, ein gut bezahlter Job, von dem man sich was leisten kann, bedeutet mehr als alles Andere. Apropos was leisten: Die Scheidungsfeier kostet immerhin gut 1000 Euro - einschließlich der gelben Blumen, die Anri nachher in die Luft wirft: Wer den Strauß fängt, wird als nächster geschieden.

Stand: 31.05.2012 16:24 Uhr

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