Debatte um Fahrverbote

Ist der Diesel am Ende?

Stand: 04.05.2017 15:56 Uhr

Fast 46 Millionen Autos gibt es in Deutschland, jedes Dritte davon ist ein Diesel - noch. Wegen deren hohen Stickstoffdioxid-Ausstoß diskutieren einige Städte über Fahrverbote - in Stuttgart soll es sie 2018 geben. Ist der Dieselmotor damit am Ende?

Von Martin Schmidt, SWR

Beim Kaiserlichen Patentamt in Berlin bekommt die Erfindung die Nummer 67207. Eine "neue, rationelle Wärmekraftmaschine" soll es sein, die Rudolf Diesel am 27. Februar 1892 anmeldet. 125 Jahre ist das jetzt her, der Dieselmotor hat seitdem längst eine Weltkarriere hinter sich. Doch so richtig in Feierstimmung ist niemand. Zum Geburtstag haben die Dieselmotoren ein erhebliches Imageproblem.

Dabei liegen die Vorteile des Diesel besonders für Vielfahrer nach wie vor auf der Hand: Der Kraftstoff ist steuerbegünstigt. Im vergangenen Jahr kostete er pro Liter im Durchschnitt rund 20 Cent weniger als Super E10. Und Diesel-Autos verbrauchen auf der gleichen Strecke bis zu 25 Prozent weniger. Das spart auf Dauer richtig Geld.

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#kurzerklärt: Ist der Diesel am Ende?

04.05.2017, Martin Schmidt, SWR

Madrid, Paris, Athen wollen Diesel-Fahrverbote ab 2025

Alles gut also, wäre da nicht der Dreck aus dem Auspuff: Giftiges Stickstoffdioxid. Düsseldorf, München, Hamburg - es sind fast ausschließlich Diesel-betriebene Fahrzeuge daran schuld, dass viele deutsche Großstädte die Stickstoffdioxid-Grenzwerte nicht einhalten. Laut Umweltbundesamt wurde 2016  bundesweit an mehr als jeder zweiten verkehrsnahen Messstation der Grenzwert überschritten.

Die Brüsseler EU-Kommission hat Deutschland schon wiederholt Verstöße gegen europäische Standards für die Luftqualität vorgeworfen. Mehrere Verfahren wegen mutmaßlicher Verletzungen von EU-Recht sind gegen die Bundesregierung im Gange. Und auch in anderen Ländern ist die dreckige Luft ein Problem: Madrid, Paris und Athen wollen daher ab 2025 gar keine Diesel mehr in die Innenstädte lassen.

Stuttgart will Diesel-Fahrzeuge aus der Stadt verbannen.

Diesel - gut fürs Klima?

In Stuttgart soll es schon nächstes Jahr soweit sein: An Tagen mit hoher Abgas-Belastung, dürfen dann nur noch neuere Diesel in die Innenstadt, die die Euro-Norm 6 erfüllen. Doch auch deren Stickstoffdioxid-Werte seien eigentlich zu schlecht, sagt das Umweltbundesamt. Nach dessen Messungen stoßen sie auf der Straße im Schnitt 507 Milligramm Stickoxide pro Kilometer aus, der Grenzwert liegt aber bei nur 80 Milligramm.

Rechtlich reicht es bislang allerdings, wenn die Diesel unter Laborbedingungen die EU-Vorgaben erfüllen und das tun sie auch, betonen die Hersteller. Ohnehin rückt der Verband der Automobilindustrie ein anderes Argument für den Diesel in den Vordergrund: den Klimaschutz. Weil Diesel-Autos weniger Kraftstoff verbrauchen, stoßen sie auch weniger vom klimaschädlichen CO2 aus. Im Schnitt bis zu 15 Prozent.

Lohnt sich Diesel noch?

Und die Stickstoffdioxid-Probleme wollen die Autohersteller mit sauberer Abgastechnik auch in den Griff bekommen. Helfen soll zum Beispiel Chemie: Die SCR-Technologie, also ein System, das Harnstofflösung ins Abgas spritzt, um Stickstoffdioxid zu binden. Und auch der Einbau eines Stickoxid-Speicherkatalysators ist denkbar. Doch das braucht Platz und ist teuer.

Vor allem für kleinere Diesel-Autos lohnt sich das nicht. Zudem steigen die Umweltauflagen in den nächsten Jahren, und gleichzeitig dürften Elektroautos günstiger werden. Da hat sogar VW-Chef Matthias Müller in Interviews schon in Frage gestellt, ob es sich ab einem gewissen Zeitpunkt noch lohne, viel Geld in die Weiterentwicklung des Diesels zu stecken. Nach einer unbegrenzten Zukunft für Diesel-Autos klingt das nicht, 125 Jahre nach der Anmeldung des Diesel-Patents.