Bildergalerie: Unterwegs mit den Peschmerga

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Eine Reportage aus Sindschar

Major Chaled und sein Kollege mit einem von unzähligen Sprengsätzen, mit denen der IS die Stadt Sindschar vermint hat.

Major Chaled und sein Kollege mit einem von unzähligen Sprengsätzen, mit denen der IS die Stadt Sindschar vermint hat.

Major Chaled und sein Kollege kommen aus einem der zerstörten Häuser und tragen einen schweren, weißen Plastikbehälter, der aussieht wie eine Amphore mit zwei Henkeln. Sie klettern gemeinsam über einen Steinhaufen neben der Türe im Hinterhof, der einmal die Wand und das Dach war. Nicht auszudenken, wenn einer der beiden vor Anstrengung stöhnenden Männer jetzt stürzen würde. Als sie an uns vorbeikommen, sind zwei Metalldrähte erkennbar, die oben aus der Amphore herausragen. Wir folgen den Männern, die konzentriert nebeneinander laufen, bis sie die Amphore am Rande eines ausgetrockneten Flussbetts abstellen, das aussieht wie eine Kiesgrube. Dann holen sie aus ihrem Dienstwagen, einem massiv gepanzerten Militärtransporter, eine Zündschnur, einen Zünder und einige Kabel.

"Das hier sind 25, vielleicht 30 Kilo", sagt der Chef-Entschärfer. "Wir bringen das Zeug jetzt runter in die Grube und lassen es detonieren." Als man uns bedeutet, schnell Zuflucht in dem hochaufragenden Panzerwagen zu suchen, diskutieren wir nicht lange. Durch die gelblich getönten, rund zehn Millimeter dicken Scheiben sind unsere Augen starr auf den Plastikpunkt gerichtet. Eine Minute, zwei Minuten. Dann - ein gewaltiger Knall, die Druckwelle lässt den ganzen Wagen beben, ein Staub- und Geröllpilz schießt über dem Flussbett in die Höhe. Gerade sind zwei Dutzend Kilo TNT detoniert, ein Bruchteil jener Menge, mit der die Milizen des sogenannten "Islamischen Staates" die Stadt Sindschar vermint haben. | Bildquelle: Thomas Aders

Major Chaled und sein Kollege mit einem von unzähligen Sprengsätzen, mit denen der IS die Stadt Sindschar vermint hat.

Major Chaled und sein Kollege mit einem von unzähligen Sprengsätzen, mit denen der IS die Stadt Sindschar vermint hat.

Major Chaled und sein Kollege kommen aus einem der zerstörten Häuser und tragen einen schweren, weißen Plastikbehälter, der aussieht wie eine Amphore mit zwei Henkeln. Sie klettern gemeinsam über einen Steinhaufen neben der Türe im Hinterhof, der einmal die Wand und das Dach war. Nicht auszudenken, wenn einer der beiden vor Anstrengung stöhnenden Männer jetzt stürzen würde. Als sie an uns vorbeikommen, sind zwei Metalldrähte erkennbar, die oben aus der Amphore herausragen. Wir folgen den Männern, die konzentriert nebeneinander laufen, bis sie die Amphore am Rande eines ausgetrockneten Flussbetts abstellen, das aussieht wie eine Kiesgrube. Dann holen sie aus ihrem Dienstwagen, einem massiv gepanzerten Militärtransporter, eine Zündschnur, einen Zünder und einige Kabel.

"Das hier sind 25, vielleicht 30 Kilo", sagt der Chef-Entschärfer. "Wir bringen das Zeug jetzt runter in die Grube und lassen es detonieren." Als man uns bedeutet, schnell Zuflucht in dem hochaufragenden Panzerwagen zu suchen, diskutieren wir nicht lange. Durch die gelblich getönten, rund zehn Millimeter dicken Scheiben sind unsere Augen starr auf den Plastikpunkt gerichtet. Eine Minute, zwei Minuten. Dann - ein gewaltiger Knall, die Druckwelle lässt den ganzen Wagen beben, ein Staub- und Geröllpilz schießt über dem Flussbett in die Höhe. Gerade sind zwei Dutzend Kilo TNT detoniert, ein Bruchteil jener Menge, mit der die Milizen des sogenannten "Islamischen Staates" die Stadt Sindschar vermint haben.

Die Fahne der kurdischen Peschmerga weht wieder über der Stadt Sindschar. Ihre Rückeroberung: eine große strategische Niederlage für den IS

Die Fahne der kurdischen Peschmerga weht wieder über der Stadt Sindschar. Ihre Rückeroberung: eine große strategische Niederlage für den IS.

Am 12. und 13. November hatten die irakisch-kurdischen Peschmerga die strategisch enorm wichtige Stadt vom IS zurück erobert, mit der Unterstützung durch massive Luftschläge der US-geführten Anti-Terror-Allianz. Knapp anderthalb Jahre lang hatten die Gotteskrieger hier im Nordirak ihr Unwesen getrieben: Menschen versklavt, Nicht-Muslime ermordet, Mädchen vergewaltigt. Wie wichtig den Terroristen Sindschar war, sieht man an dem ausgeklügelten, mehrere Kilometer langen Tunnelsystem, das ihre Hauptquartiere, Schlafstätten und Lager unterirdisch miteinander verband. Und an der Menge Sprengstoff, die sie hier deponiert haben, um den Vormarsch der Peschmerga zu verhindern.

An dieser Stelle hatten die IS-Milizen mehrere Tonnen Sprengstoff unter einer Zufahrtstraße vergraben. Die Detonation hätte eine ganze Kompanie töten können.

An dieser Stelle hatten die IS-Milizen mehrere Tonnen Sprengstoff unter einer Zufahrtstraße vergraben. Die Detonation hätte eine ganze Kompanie töten können.

Selbst die professionellen Minenentschärfer der Kurden haben so etwas noch nie gesehen: fast 40 Tonnen Sprengstoff sind bislang abtransportiert und kontrolliert gezündet worden. Mehrere Tonnen waren allein unter einer einzigen Zufahrtstraße deponiert gewesen, versehen mit drei verschiedenen Auslösemechanismen: mechanisch, elektrisch und funkgesteuert. Zwölf von Major Chaleds Kollegen haben bei ihrem brandgefährlichen Job in den befreiten Städten Kurdistans bereits ihr Leben gelassen.
Wir klettern mit den Peschmerga-Trupps über eine Stein- und Trümmerwüste, ganze Straßenzüge sind dem Erdboden gleich gemacht, kein einziges Haus ist intakt. Selbst wenn hier und da noch Wände stehen geblieben sind, ist die Stadt unbewohnbar.

Kein Haus ist mehr bewohnbar. Die Stadt Sindschar - dem Erdboden gleichgemacht.

Kein Haus ist mehr bewohnbar. Die Stadt Sindschar - dem Erdboden gleichgemacht.

Warum Sindschar so wichtig ist, wird an der südlichen Durchgangsstraße Nr. 47 klar, sie führt von Mossul im Irak nach Rakka in Syrien und verband Monate lang die beiden IS-Hauptquartiere. Diese transnationale Verbindungslinie konnte von kurdischen Kämpfern Mitte November durchtrennt werden. Ein großer strategischer Erfolg für die Peschmerga - aber auch ein wichtiges Symbol: Die Rückeroberung Sindschars hat bewiesen, dass es tatsächlich möglich ist, den lange für unbesiegbar gehaltenen IS zu schlagen. Zumindest dann, wenn drei Dinge zusammen kommen. Erstens durchgängige Luftschläge, die die Terroristen schwächen. Zweitens eine fähige, effektive Bodentruppe. Und drittens eine moderne militärisch Ausrüstung dieser Armee.

General Sihad Barzani, Peschmerga-Kommandant Artilleriebrigade.

General Sihad Barzani, Peschmerga-Kommandant Artilleriebrigade.

Vor allem die deutschen Milan-Panzerabwehrraketen haben nach Aussage von General Sihad Barzani das Blatt im Kampf gegen den IS gewendet. Vorher waren seine Peschmerga den wütenden Angriffen durch sprengstoffbeladene Geländewagen der Selbstmordattentäter nicht gewachsen. Der Bruder des Kurdenpräsidenten, ein Raubein mit Herz, zeigt uns mehrere Videos auf seinem Privathandy: wie mehrere Fahrzeuge der Terroristen in einem Feuerball verschwinden.
Die gesamte Zeit, als wir im Sindschar sind, hören wir die Aufklärungsflugzeuge und Bomber der Allianz über uns, zusammen mit der Artillerie der Peschmerga setzen sie die IS-Milizen weiter unter Druck. Doch was diese hinterlassen haben, ist grauenhaft: Überall werden in diesen Tagen neue Massengräber gefunden. 150 Menschen liegen in einem, sagen die Peschmerga, in einem anderen befinden sich die Leichen von 78 älteren Frauen aus der Ortschaft Kotscho. Sie wurden von den Schlächtern ermordet, weil sie nicht mehr als Sex-Sklavinnen dienen konnten und auch nicht zu verkaufen waren.

Ein Peschmerga-Kämpfer vor einem der Massengräber, in denen die Terroristen ihre Opfer verscharrt haben.

Ein Peschmerga-Kämpfer vor einem der Massengräber, in denen die Terroristen ihre Opfer verscharrt haben.

Das also, denke ich, verstehen die Terroristen unter einem islamischen Staat. Mit jedem Mord, den sie begehen, beschmutzen sie die Religion von Millionen friedfertiger Muslime.

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