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Die Kanzlerin muss einen weiteren Abgang verkraften: Regierungssprecher Ulrich Wilhelm quittiert heute den Dienst, um Chef des Bayerischen Rundfunks zu werden. Gern wird Merkel ihren Sprecher nicht nach München ziehen lassen - war er doch in den vergangenen fünf Jahren einer ihrer engsten Vertrauten.
Von Christian Thiels, SWR, ARD-Hauptstadtstudio
Altlasten bestimmen in diesen Tagen das Leben von Ulrich Wilhelm, Altlasten und Pappkartons. Der Regierungssprecher räumt sein Büro im Bundespresseamt in der Berliner Dorotheenstraße aus und versucht dabei die Berge von Papier zu ordnen, die im Laufe seiner fünfjährigen Amtszeit gewachsen sind. Gesprächsnotizen, Artikel, Unterlagen haben sich aufgehäuft - eben alles, was er zu interessant zum Wegwerfen fand. Und Wilhelm findet vieles interessant. Der Sprecher ist nicht nur ein guter Zuhörer, sondern auch jemand, der gerne fragt. Das mag mit Wilhelms Ausbildung als Journalist zu tun haben oder mit einer angeborenen Neugier.
In den vergangenen fünf Jahren als Sprecher der Bundesregierung war der 49-Jährige "nah dran am Weltgeschehen", wie er es selbst formuliert. Ein Privileg sei es gewesen, zu allen möglichen Themen immer die bestmöglichen Experten zu hören und sich auch einbringen zu dürfen. Denn unter Angela Merkel war der Job des Regierungssprechers immer auch der eines engen Beraters. Das habe die Arbeit schon zu etwas ganz Besonderem gemacht, resümiert Wilhelm. Er bekommt leuchtende Augen, wenn er begeistert von den vielen Treffen mit Staatsmännern und -frauen, mit Professoren und Künstlern, mit Wirtschaftsgrößen und Gewerkschaftern erzählt, bei denen er dabei war.
Andere Menschen interessierten ihn eben und eigentlich habe jeder Mensch etwas Interessantes, sagt er. Wilhelm - der Menschenfreund. Niemand hat ihn im Bundespresseamt je rumschreien hören. Im Gegenteil: Wenn es wirklich schlimm wird, dann wird der sonst so eloquente Regierungssprecher schmallippig. Doch das sei selten, sagen seine Mitarbeiter. Eigentlich sei er stets freundlich-verbindlich und verlässlich. Wesenszüge, die auch die Kanzlerin an ihm schätzt.
Kaum jemand verbringt so viel Zeit mit Merkel wie ihr Sprecher. Trotzdem war Wilhelm nie bei Merkel und ihrem Ehemann Joachim Sauer zuhause und auch das "Du" hat zwischen der "Chefin", wie Merkel im Bundespresseamt genannt wird, und ihm nie zur Debatte gestanden. Für ihn sei es schon ein ganz schöner Schritt von "Frau Bundeskanzlerin" zu "Frau Merkel" gewesen, sagt Wilhelm. Es ist wohl eine Art förmliche Vertrautheit, die zwischen Wilhelm und Merkel besteht.
Für ihren scheidenden Sprecher findet die Kanzlerin denn auch ungewöhnlich freundschaftliche Worte. Bei der traditionellen Pressekonferenz der Regierungschefin vor der Sommerpause sprach Merkel vergangene Woche von einer "wunderbaren Zusammenarbeit", lobte die Präzision Wilhelms und dessen Geduld im Umgang mit der Presse: "Unsereiner richtet irgendwas an und anschließend 27 Telefongespräche." Dass der Regierungssprecher zurückrief, darauf konnten sich die Berliner Journalisten immer verlassen.
Die Zusammenarbeit mit Wilhelm schildern viele als menschlich sehr angenehm. Deshalb hat ihm wohl auch so mancher verziehen, wenn Wilhelm statt substantieller Informationen nur hinter vielen Worten zu verbergen versuchte, dass er zu einem Thema offiziell nichts sagen wollte. Dann kamen Formulierungen, die die Berliner Journalisten wörtlich mitsprechen konnten, etwa: "Haben Sie bitte Verständnis dafür, dass ich den Gesprächen nicht vorgreifen kann." Dabei blieb er immer höflich und freundlich und vergriff sich nie im Ton.
Ein Sprachrohr der Parteipolitik und der CDU-Vorsitzenden Merkel wollte er nicht sein, denn schließlich sei der Regierungssprecher ja Beamter und kein Politiker, sagt er. Und er müsse mit den Augen der Journalisten, quasi von außen, auf die Politik der Bundesregierung schauen - den Parteipropagandisten hätten ihm viele wohl auch nicht verziehen.
[Bildunterschrift: Kommunikationstalent Wilhelm, hier bei einem Truppenbesuch in Masar-i-Scharif, April 2009. ]
Die (verhaltene) Kritik an seinem Wechsel von Merkels Seite an die Spitze des Bayerischen Rundfunks kann er nicht nachvollziehen. Wer ihm da einen Konflikt unterstelle, verkenne die Rolle des Regierungssprechers. Dennoch gibt sich Wilhelm eine Schamfrist bis zum Antritt seines neuen Amtes als Intendant. Erst in sechs Monaten wird er beim Bayerischen Rundfunk anfangen, dem Sender, bei dem er auch als junger Journalist seine ersten Schritte tat. Und in der Stadt, in der auch seine Familie lebt.
Der Abschied aus der Sprecherrolle hat denn wohl auch persönliche Gründe. Wilhelms Kinder, eine Tochter und ein Sohn, sind zwischen 15 und 17 Jahren alt. Ihren Vater haben sie in den vergangenen Jahren kaum zu Gesicht bekommen. Denn mit der Rolle des beratenden Sprechers geht auch einher, dass sich Wilhelm der Schlagzahl seiner Chefin anpassen musste. Merkel braucht wenig Schlaf und arbeitet viel und gerne. Selbst bei Terminen weit nach Mitternacht besteht die Kanzlerin noch auf eine ausführliche Nachbesprechung. Viel mehr als fünf Stunden Schlaf sind nicht nur auf Auslandsreisen selten drin für Merkels engsten Kreis, zu dem auch Wilhelm gehört. Sein Nachfolger, der ZDF-Journalist Steffen Seibert, wird sich daran gewöhnen müssen.
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