Martin Walser mit Hut | Bildquelle: dpa

Walser wird 90 Vom Schreiben ergriffen - noch immer

Stand: 24.03.2017 10:31 Uhr

Auch mit 90 Jahren ist Martin Walser eine imposante Erscheinung: breitschultrig und groß gewachsen. Der Schriftsteller hat Wegbegleiter, Freunde und Kritiker überlebt. Geblieben ist die kindliche Freude des Vielschreibers.

Von Florian Gediehn, SWR

"Zwei Freunde habe ich noch", sagt Martin Walser wenige Tage vor seinem 90. Geburtstag. Einer von ihnen ist Heribert Tenschert, Sammler antiquarischer Bücher und Verleger. Seinem Freund Walser hat er eine Werkausgabe geschenkt. 25 Bände, jeder mehrere hundert Seiten stark. "Kaum zu glauben, dass das da etwas mit mir zu tun hat", sagt Walser scheinbar staunend und durchaus verschmitzt, als er die wuchtige Bücherreihe bei deren Vorstellung in Stuttgart betastet und betrachtet. "Du kannst ja nicht aufhören zu schreiben", kontert Tenschert. Er hat recht: Walser ist ein Sprachkünstler, der niemals in seinem Leben den Eindruck erweckt hatte, dass bereits alles erzählt sei.

"Den Beruf des Schriftstellers ergreift man nicht. Der Beruf ergreift einen", sagt Walser. Der Weg in diesen Beruf begann in Stuttgart, beim Süddeutschen Rundfunk. Sein erstes Geld verdiente er dort nicht mit großer Literatur, sondern in der Radio-Unterhaltung. Walser dichtete Couplets, gesungene Verse. In der Rubrik "Klingende Wochenpost" gab er "Die nörgelnde Hausfrau".

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Martin Walser wird 90

Martin Walser

Der Schriftsteller Martin Walser feiert seinen 90. Geburtstag. Am 24. März 1927 wurde der Sohn einer Gastwirtsfamilie in Wasserburg am Bodensee geboren. Sein Vater starb früh. Er war im Krieg Flakhelfer und Soldat. Dass er wissentlich Mitglied der NSDAP war, bestreitet er. | Bildquelle: dpa

Erstlingswerk: "Ehen in Philippsburg"

Der erste Roman kommt 1957: "Ehen in Philippsburg" - ein provokantes Gesellschaftsabbild und Walsers Durchbruch. Scheinheiligkeit, Doppelmoral, Seitensprünge in den gehobenen Kreisen einer fiktiven Großstadt. Manches im Roman erscheint zu anzüglich für die biedere, junge BRD. 60 Jahre nach der Entstehung erinnert sich Walser an Diskussionen mit Verleger Peter Suhrkamp: "Er sagte mir, die ein oder andere Situation sei ihm zu 'tumultuarisch'." Schließlich müssen drei Verlagslektoren Suhrkamp überzeugen, dass Walser genau schreiben soll, was er schreiben will.

Martin Walser gilt als unermüdlich Schaffender. "Volkswagen des Literaturbetriebs", hieß es da schon mal eher spöttisch. Walser kontert solche Kritik gerne mit humoristischer Leichtigkeit. Aber: Walser ist ebenso streitlustig. Er mischt sich ein. Gilt mal als Linker, mal als Rechter. In diesen Tagen erscheint eine Textsammlung mit dem Titel "Ewig aktuell". Bescheidenheit klingt anders.

Paulskirchenrede: Brandstifter und Antisemit?

Martin Walser - Rede bei der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels | Bildquelle: picture-alliance / dpa
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Walser bei seiner umstrittenen Rede in der Frankfurter Paulskirche.

Auf die größte Kontroverse in seinem Leben blickt er heute fast ratlos wirkend: "Man kann etwas nicht gesagt haben wollen." Walser meint seine Rede in der Paulskirche 1998. Bei der Verleihung des "Friedenspreises des deutschen Buchhandels" richtet er sich gegen eine "Instrumentalisierung des Holocausts". Dem Jubel des Publikums vor Ort folgt bald ein Sturm der Entrüstung. Ignatz Bubis, damals Vorsitzender des Zentralrats der Juden, nennt Walser einen "geistigen Brandstifter". 2002 erscheint Walsers Roman "Tod eines Kritikers". Es geht selbstverständlich um Marcel Reich-Ranicki. FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher schimpft das Buch eine "Exekution" voller antisemtischer Klischees. Zu Reich-Ranicki sagt Walser noch heute: "Der wollte versuchen, mich aus dem Literaturbetrieb rauszuwerfen."

Von der Selbstständigkeit des Schreibens

Das ist nicht gelungen. Walsers jüngster Roman erscheint Anfang des Jahres. "Statt etwas oder Der letzte Rank". Ein schmaler Band, die Romanform ist völlig aufgelöst. Wie ein loser Gedankenflug eines Mannes, der zurückblickt. Es geht kaum noch darum, Erlebtes in Handlung zu übersetzen. Walser sagt: "Es gibt eine Selbstständigkeit des Schreibens, die man auf nichts mehr zurückführen muss als auf das Schreiben selbst."

Klingt wie ein Schlusswort, soll es aber kaum sein. Vor wenigen Tagen kommt es auf der Bühne des Literaturhauses Stuttgart zu diesem Dialog. Kritiker Denis Scheck fragt Martin Walser nach seiner Spielleidenschaft. Es geht um Roulette und Lotto: "Darf ich Sie fragen, mit welcher Glückserwartung ein fast 90-Jähriger Lotto spielt?" Walser reagiert regelrecht entsetzt: "Soll das heißen, wenn ich jetzt gewinne, kann ich damit in meinem Alter eh nichts mehr anfangen?" Scheck windet sich ein wenig und Walser obsiegt mit dem Satz: "Am 11. März habe ich in der Lotterie 7777 Euro gewonnen!"

Martin Walser | Bildquelle: picture-alliance / kpa
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Mit dem Buch "Ein fliehendes Pferd" gelang Walser 1978 der Durchbruch. Der Roman wurde mit über einer Million verkaufter Exemplare der größte Erfolg Walsers. Der Stoff wurde zweimal verfilmt, zuletzt im Jahr 2007 mit Ulrich Tukur in der Hauptrolle.

Ein Kind, ein Spieler

Die Botschaft: Warum aufhören? Der Saal lacht. Für Walser ein kleiner Triumph, den er mit fast kindhafter Freude genießt. Das Spiel ist noch nicht vorbei. "Ich habe die Eigenschaft, nie erwachsen zu werden. Und deswegen habe ich immer gespielt", sagt Walser. Denn: "Man wird auch unerwachsen sehr alt."

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 24. März 2017 um 08:55 Uhr.

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