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21.11.2009

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"re:publica 2009": Die digitale Avantgarde in Berlin

Bloggertreffen "re:publica 2009"

Die digitale Avantgarde in Berlin

Im einstigen DDR-Revuetheater tagt die digitale Avantgarde. "Shift happens - Wandel findet statt" ist das Motto von Deutschlands größtem Bloggertreffen, bei dem tagesschau.de dabei ist. Bis Freitag wird im Berliner Friedrichsstadtpalast gebloggt, getwittert - aber auch ganz normal diskutiert: Über das Treffen, die Szene und ihre Bedeutung.

Von Fiete Stegers, tagesschau.de

Die digitale Avantgarde trifft sich: Screenshot der Internetseite von re:publica'09. Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Screenshot der Internetseite von re:publica'09. ]
Die großen Flachbildschirme zeigen Damen in knappen Kostümen mit buntem Kopfputz, doch die Tänzerinnen des Friedrichstadtpalast- Ensembles werden keines Blickes gewürdigt. Die 20- bis 40-Jährigen, die das Foyer bevölkern, starren - wenn sie nicht in Diskussionen verstrickt sind - auf die kleinen Monitore ihrer mitgebrachten Laptops. Sie sind Blogger, Web-Aktivisten, Startup-Unternehmer oder andere Netz-Enthusiasten - nicht selten eine Mischung aus allem. Rund 1500 von ihnen sind zur dritten Auflage der Konferenz in die Hauptstadt gereist.

Die "re:publica", organisiert von den beiden Berliner Blogs "Netzpolitik" und "Spreeblick", hat sich zum größten Bloggertreffen Deutschlands entwickelt. Die erste "re:publica" 2007 war noch eine Art Klassentreffen. Viele, die sich vorher nur über das Netz gekannt hatten, begegneten sich zum ersten Mal in der Wirklichkeit. Aber die Konferenz gab auch bereits erste Impulse für die über das Netz organisierten Proteste gegen die Vorratsdatenspeicherung. Der zweiten "re:publica" verliehen die Veranstalter gleich das Motto "Die kritische Masse". Und tatsächlich stieg die Zahl der Besucher. In diesem Jahr ist die Konferenz wieder ausverkauft- trotz Wechsel an einen größeren Veranstaltungsort.

Screenshot des Berliner Blogs "Netzpolitik" [Bildunterschrift: Screenshot des Blogs "Netzpolitik". Die beiden Berlinger Blogs "Spreeblick" und "Netzpolitik" organisieren das größte Bloggertreffen Deutschlands. ]

Man bleibt unter sich

Aber wie repräsentativ ist das Geschehen auf der "re:publica" für die deutsche Blog-Landschaft? Wer nimmt sich Zeit, nach Berlin zu fahren, um mit anderen Bloggern vornehmlich über Blogs zu reden? Menschen, die im Web vor allem über ihr Hobby schreiben, sich mit Freunden austauschen oder tatsächlich Online-Tagebuch führen, eher nicht. Präsenz zeigen diejenigen, die sich mit der Entwicklung des Bloggens an sich beschäftigten und auch ansonsten in ihren Blogs häufig über Medien- und Technologie-Themen schreiben. Medienmacher also, die mehr oder weniger in der medialen Öffentlichkeit stehen.

Kaum öffentlich wahrgenommen werden dagegen etwa Weblogs rund um das Handarbeiten - obwohl diese einen gewichtigen Teil der Blogs insgesamt ausmachen, wie der US-Wissenschaftler John Kelly auf der "re:publica" demonstrierte. Kelly hat die Verknüpfung von Blogs weltweit ausgewertet und visualisiert, wo sich Knoten und Haufen bilden. In seinen bunten Link-Grafiken spiegeln sich kulturelle Ähnlichkeiten zwischen unterschiedlichen Ländern, aber auch sprachliche und technische Barrieren: So zeigen die Muster, dass in Russland eine dominante Suchmaschine und wenige Blog-Provider die Verknüpfungen kanalisieren. Die deutschen Blogs sehen dagegen laut Kelly aus "wie die US-Blogosphäre in ihrer frühen Zeit". Die Blogger beschäftigen sich viel mit Medien- und Technologie-Themen und verlinken häufig Meldungen auf den Websites von Zeitungen oder Zeitschriften.

re:publika 2009 Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Die Avantgarde der neuen Medien trifft sich auf der re:publika 2009 in Berlin. Links im Bild: Stefan Niggemeier ]
Dem Journalisten und Blogger Stefan Niggemeier reicht das nicht: "Deutsche Blogs produzieren immer noch zu wenige eigene Inhalte", kritisiert er. Die mit Niggemeier und anderen prominenten Bloggern besetzte Eröffnungsdiskussion nahm in vielen Dingen so etwas ein Fazit der Konferenz vorweg: Vier- bis fünfstellige monatliche Einnahmen durch Anzeigenverkäufe seien möglich, berichteten Robert Basic und Sascha Pallenberg - aber nur für richtig prominente Blogs. Der Boom des Mini-Nachrichtendienstes Twitter "beschleunigt die Diskussion in Blogs" (Markus Beckedahl von "netzpolitik"), macht sie aber auch unübersichtlicher (Niggemeier).

Facebook & Co. werden noch wichtiger

"Handelsblatt"-Redakteur Thomas Knüwer hob die wachsende Bedeutung von sozialen Netzwerken wie etwa Facebook hervor. Die Netzwerk-Plattform ist aber nicht nur eine Kontaktdatenbank, sondern bietet auch Blog- und Twitter-ähnliche Kommunikationsmöglichkeiten. Ergänzend verwies Beckedahl auf den Erfolg der deutschen Netzwerk-Plattform "Wer kennt wen?": "Davon erzählen mir selbst Leute, die sonst nie das Internet nutzen." Die Skepsis der sonst innovationsfreudigen Web-2.0-Enthusiasten auf dem Podium gegenüber dieser wenig hippen Plattform war aber deutlich: "Angeblich kann man sich damit sehr gut auf dem auf lokaler Ebene mit den anderen aus dem Schützenverein zu vernetzen."

Das Netz von morgen

In den kommenden Tagen diskutiert die Konferenz unter anderen über die Entwicklung von digitalen Identitäten und über den Umgang mit privaten Daten in sozialen Netzwerken. Auch der Bundesdatenschutzbeauftragte ist zu Gast. Außerdem geht es um Themen, die beim normalen Netz-Nutzer wohl erst in einiger Zeit ankommen werden: Video-Microblogging, Nachrichten-Aggregatoren und den Einsatz von Web 2.0 im Gesundheitswesen.

Der Einsatz des Internets im Wahljahr 2009 steht ebenfalls auf dem Programm. Und dann funktioniert hoffentlich auch der von den Veranstaltern hoch und heilig versprochene drahtlose Internetzugang trotz des hohen Andrangs wieder überall.

Stand: 01.04.2009 20:20 Uhr

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