Interview

Oscar-Statuen im Dolby-Theater in Hollywood | Bildquelle: dpa

Oscar-Verleihung Von Favoriten und politischen Zeichen

Stand: 26.02.2017 09:50 Uhr

Es ist die Nacht des Jahres in Hollywood - zum 89. Mal werden die Oscars verliehen. Branchenüblich ist das Geraune, wer Favorit ist und wer aus dem Rennen, beträchtlich. Doch in diesem Jahr, sagt ARD-Korrespondent Wolfgang Stuflesser im Interview, geht es nicht nur um Glamour.

tagesschau.de: "La La Land" ist für 14 Oscars nominiert - ist das Rennen in diesem Jahr eigentlich schon gelaufen?

Wolfgang Stuflesser: Wenn man den vielen Experten hier in Hollywood glaubt, dann hat "La La Land" den Oscar für den besten Film schon fast sicher - die beiden anderen Filme, die da dick im Rennen waren, haben ein bisschen an Schwung verloren: Sowohl "Manchester by the Sea" als auch "Moonlight". "La La Land" ist halt ein Film über zwei junge Künstler, die in Los Angeles ihr Glück versuchen - Emma Stone als Schauspielerin Mia und Ryan Gosling als Musiker Sebastian. Die Oscar-Academy ist ja ein Club von mehr als 7000 Filmschaffenden, da fühlen sich vermutlich viele an ihre eigene Vergangenheit erinnert.

Emma Stone gilt auch als sichere Favoritin in Sachen beste Hauptdarstellerin, aber interessant sind die anderen Darstellerpreise: Da fällt immer wieder Denzel Washingtons Name für die beste männliche Hauptrolle - und Viola Davis und Mahershala Ali für die Nebenrollen. Das wären also bei vier Schauspielerpreise drei schwarze Gewinner - eine deutliche Veränderung zu den beiden vergangenen Jahren, in denen ja jeweils kein einziger nicht-weißer Darsteller auch nur nominiert war.

Dolby Theatre in Hollywood | Bildquelle: dpa
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Hier findet am Abend das Schaulaufen der Stars statt: das Dolby Theatre in Hollywood

tagesschau.de: Wie steht es denn um die deutschen Chancen? "Toni Erdmann" ist ja als bester nicht-englischsprachiger Film nominiert.

Stuflesser: Es ist wirklich erstaunlich: Hollywood liebt "Toni Erdmann". Ich habe hier mit Kritikern gesprochen, mit Produzenten - alle schwärmen sie von "Toni Erdmann" und haben sich offenbar wirklich durch zweidreiviertel Stunden deutsche Untertitel gelesen. Das heißt aber noch nicht, dass der Film am Ende auch den Oscar bekommt: Auf der Zielgeraden hat "The Salesman" von Asghar Farhadi "Toni Erdmann" aus der Favoritenrolle gedrängt.

Farhadi bekam plötzlich ganz viel Aufmerksamkeit, als Präsident Trump den Einreisestopp für überwiegend muslimische Länder erlassen hat - davon wäre auch Farhadi als Iraner betroffen gewesen, das ist ja eins der sieben Länder. Im Moment ist der Stopp zwar außer Kraft, aber Farhadi will jetzt trotzdem bewusst nicht einreisen - und wenn die Academy ein politisches Zeichen setzen will, dann könnte sie das, indem "The Salesman" den Oscar kriegt. Auch wenn viele hier sagen, "Toni Erdmann" sei der bessere Film.

tagesschau.de: Es sind ja die ersten Oscars nach Trumps Wahlsieg - wie politisch wird die Verleihung?

Stuflesser: Das ist die große Frage. In früheren Jahren hat die Academy es ja gar nicht gern gesehen, wenn Preisträger in ihren Dankesreden politisch wurden, zum Beispiel als Michael Moore gegen George W. Bush gewettert hat. Das hat sich geändert: Meryl Streeps Rede bei den Golden Globes war hier natürlich über Wochen großes Thema in der Branche, dann noch mal Mahershala Ali mit seinem Bekenntnis "I’m a muslim" - ich bin Muslim - bei den Schauspielerpreisen. Da könnte es bei der Oscar-Verleihung noch ein paar solcher Reden geben.

Selbst die "La-La-Land"-Leute haben neulich schon gesagt: Ihr Film zeige ja auch, wie Los Angeles alle willkommen heißt, die hier ihre Träume verwirklichen wollen, egal, wo sie herkommen. Und auf einmal passt sogar ein Musical wie "La La Land" in die ganze Trump-Debatte. Es wird also auf alle Fälle eine spannende Oscar-Nacht.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 26. Februar 2017 um 23:15 Uhr.

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