Die polnische Autorin Olga Tokarczuk erhielt den Literatur-Nobelpreis. | Bildquelle: REUTERS

Olga Tokarczuk Rastlos in der Heimat

Stand: 10.10.2019 20:35 Uhr

Für die Literatur-Nobelpreisträgerin Olga Tokarczuk sind Grenzen da, um sie zu überschreiten. Die polnische Heimat und Geschichte sind zentraler Teil ihrer Werke. Diese spiegeln im Kleinen die ganz große Welt wider.

Von Jan Ehlert, NDR

Auch ungewöhnliche Wege können zum Literaturnobelpreis führen. Olga Tokarczuk entschied sich als junge Frau gegen ein Germanistikstudium und für die Psychologie, arbeitete als Therapeutin in einem Heim für verhaltensauffällige Jugendliche. Ein Glück, wie sie später sagte, denn die konkrete Arbeit an ihren Patienten habe sie reifen lassen und an die Grenzen der menschlichen Erfahrungen und Wahrnehmungen geführt.

Doch Grenzen sind für Tokarczuk da, um sie zu überschreiten. Und diese Möglichkeit bot ihr die Literatur. In ihren Werken lässt sie die Grenzen zwischen Traum und Realität verschwimmen, löst Raum und Zeit auf und erschafft mit großer Fantasie mythologische Wunderwelten. Ihr kleines polnisches Dörfchen Ur, das ihrem bekanntesten Roman "Ur und andere Zeiten" den Namen gab, schwebt, so die Beschreibung sei ein Ort "mitten im Weltall" und doch so klein: "Um Ur zügig von Norden nach Süden zu durchqueren, würde man eine Stunde brauchen. Von Osten nach Westen ebenso." Aber in diesem Ur, das von vier Erzengeln bewacht wird, spiegeln sich dennoch 90 Jahre polnische Geschichte, die Tokarczuk mit immer wiederkehrenden Motiven beschreibt.

Verleihung der Literaturnobelpreise für 2018 und 2019
tagesschau 17:00 Uhr, 10.10.2019, Christian Stichler, ARD Stockholm

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Pilze als Lieblingsmotive

Eines ihrer Lieblingsmotive sind dabei Pilze. Diese seien selbst "eine Art Grenzwesen zwischen Pflanzen und Tieren, und deshalb eine sehr tragbare Metapher und ein sehr schönes Symbol". So wie bei den Pilzen, die durch ein unterirdisches Myzel miteinander verbunden sind, hängen auch bei Tokarczuk die Dinge stärker zusammen, als es auf den ersten Blick scheint.

Sie selbst ist in ihrem kleinen polnischen Dorf Krajanów nahe der Grenze zur Tschechischen Republik fest verwurzelt. Hier lebt sie seit Jahrzehnten, hier hat sie auch ihren eigenen Verlag gegründet. Die meisten ihrer Geschichten sind hier entstanden, sagt sie. Dorfgeschichten, in denen sich aber doch im Kleinen die ganze große Welt widerspiegelt. Stück für Stück, durch jahrelange Betrachtung, hätten sie sich ergeben, sich wie ein Puzzlespiel zusammengesetzt. Vielleicht, so Tokarczuk, sei das die einzige Art, sich der Wahrheit anzunähern.

Literarisches Denkmal für ihre Heimatregion

In Polen gilt Tokarczuk seit Langem als eine der wichtigsten Schriftstellerinnen des Landes. Bereits ihr Debütroman aus dem Jahr 1993, "Die Reise der Buchmenschen", war ein großer Erfolg. Die Suche eines Liebespaares nach einem Buch wird darin zu einer Metapher für den Sinn des Lebens. Und in "Taghaus, Nachthaus" hat sie ihrer Region Niederschlesien ein berührendes literarisches Denkmal gesetzt.

Als eine literarische Repräsentantin ihrer Region sieht sie sich jedoch nicht. Das wäre zu einengend, eine Erfahrung, die, so sagte sie in einem Interview auch mit ihrer Kindheit in Polen zu tun habe. Denn der Kommunismus sei die Gefahr gewesen, nicht ausbrechen zu können. So bricht sie in ihren Romanen immer wieder aus.

In "Unrast" etwa, für das sie 2018 den Man Booker International Prize erhielt. Auf Deutsch ist der Roman bereits 2008 erschienen. Er ist voller verblüffender Handlungsstränge, in denen es fast immer um das Reisen geht. Sie erzählt vom Herzen des Komponisten Frédéric Chopins, das nach einer Obduktion von Paris nach Warschau geschickt wird und von modernen Fortbewegungsmitteln im 21. Jahrhundert und von der Sekte der Begunen, deren Motto lautet: "Wenn der Mensch still steht, fällt er dem Teufel anheim."

Stillstand ist also bei Tokarczuk - zum Glück - nicht zu erwarten. Auch das Reisen wird durch den Literaturnobelpreis sicherlich zunehmen. Die Unrast bleibt. Ihre Heimat aber wird Tokarczuk auch dann immer dabei haben. Denn diese, sagt sie, sei nicht an einen Ort gebunden. Es ist die polnische Sprache, in der sie ihr Haus gebaut habe.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 10. Oktober 2019 um 22:15 Uhr.

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