Literatur-Nobelpreisträger Mo Yan Der Sprachlose, der viel zu sagen hat

Stand: 11.10.2012 15:36 Uhr

Der Literatur-Nobelpreisträger Mo Yan passt in keine Schublade: Er ist weder ein scharfer Kritiker des chinesischen Systems noch ein treuer Staatsautor. Vielmehr halten seine meist tragikomischen Charaktere den Chinesen einen Spiegel vor - und blicken so zurück auf deren eigene Vergangenheit.

Von Jan Ehlert, tagesschau.de

"Der Sprachlose" - so lässt sich der Name Mo Yan übersetzen. Es ist ein Pseudonym, das sich der 1955 in der ostchinesischen Provinz Shandong in dem Dorf Gaomi geborene Bauernsohn Guan Moye selbst wählte. Dort spielen fast alle seine Bücher. Sprachlos schien er zumindest 2009 zu sein, als er als offizieller Vertreter seines Landes an der Frankfurter Buchmesse teilnahm. "Mo Yan hat Redeverbot", titelte damals eine große deutsche Zeitschrift, nachdem Mo Yan alle Interviewwünsche abgeblockt hatte.

Der Grund für sein Schweigen war jedoch nicht die Angst vor Zensur, sondern der Ärger über die Journalisten. Er sei immer nur in eine Schublade gesteckt worden: Entweder Staatsschriftsteller oder Dissident. Und als er gemeinsam mit der chinesischen Delegation aus Protest eine Lesung verließ, bei der chinesische Dissidenten zu Wort kommen sollten, schien das Urteil gefällt.

Mo Yan (Bildquelle: AFP)
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"Der Sprachlose" sieht seine Aufgabe unter anderem darin, die historisch verfälschte Sicht aufzuarbeiten.

Autor sieht sich nicht eingeschränkt

Mo Yan ist sicher kein scharfer Kritiker des chinesischen Systems. Anders als etwa der Nobelpreisträger von 2000, Gao Xinjiang, oder auch der diesjährige Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels, Liao Yiwu, die bei den Chinesen kaum bekannt sind,  ist er in China ein Bestsellerautor. Zensiert sieht er sich nicht.

Heute könne die chinesische Literatur schreiben, worüber sie wolle: "Es gibt in jedem Land gewisse Beschränkungen", sagte er dem Magazin "Time". Ein Schriftsteller solle seine Gedanken aber ohnehin tief vergraben und sie über die Charaktere vermitteln.

Porträt des Literatur-Nobelpreisträgers Mo Yan
R. Kirchner, ARD Peking
11.10.2012 13:42 Uhr

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Und mit Hilfe seiner meist tragikomischen Charaktere hat er maßgeblich dazu beigetragen, den Chinesen ihre eigene Vergangenheit näher zu bringen. Seine Romane spielen zumeist im historischen China: "Die Sandelholzstrafe" spielt im Jahr 1899, zur Zeit des Boxeraufstands. Mo Yan schildert darin eine von Korruption und Machtgier durchdrungene Gesellschaft, die er als vulgär und grausam entlarvt.

Gleichzeitig beschreibt das Buch aber auch den Vormarsch der westlichen Kolonisatoren, insbesondere der Deutschen, die sich über die chinesische Kultur hinwegsetzen.

In "Der Überdruss" widmet er sich dem China des 20. Jahrhunderts. Und hier finden sich auch kritische Töne. "In der Zeit von Mao Zedong war die Literatur eine Waffe der Revolution und die Schriftsteller mussten die Gesellschaft so darstellen, wie sie dem sozialistischen Weltbild entsprach", sagte er 2009 der "Frankfurter Rundschau".

Bücher von Mo Yan auf einem Stand der Frankfurter Buchmesse (Bildquelle: dpa)
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Bücher von Mo Yan auf einem Stand der Frankfurter Buchmesse

Ein anderer Blick auf die Vergangenheit

Seine Aufgabe als Schriftsteller sieht er unter anderem darin, diese historisch verfälschte Sicht aufzuarbeiten. Mit den Augen seiner Protagonisten beschreibt er Missstände, Grausamkeiten und Fehlentwicklungen der Mao-Zeit, die auch für die heutige chinesische Führung nicht immer schmeichelhaft sind.

Noch deutlicher wird das in seinem 2010 erschienenen Buch "Der Frosch". Darin setzt er sich kritisch mit der Ein-Kind-Politik in China auseinander. Ihn als Staatsschriftsteller zu beschreiben, wird ihm daher nicht gerecht. "Schriftsteller sind die Ärzte der Gesellschaft", sagte er 2009 in einem Interview. "Unsere Aufgabe ist es, ihre Krankheiten zu finden, auch die der Regierung. Echte Kritik und Enthüllungen kann sich nur die Literatur erlauben."

Große erzählerische Kreativität

Seine Geschichten, die - ähnlich wie die des japanischen Autors Haruki Murakami - im Stil des magischen Realismus geschrieben sind, mögen für deutsche Leser zunächst fremd erscheinen. In China wird er gern mit Franz Kafka oder William Faulkner verglichen. Seine Bücher zeugen von großer erzählerischer Kreativität, mal sind sie als Volksoper geschrieben, mit Chor und Arien, mal als Dialog in der Hölle, in dem ein Großgrundbesitzer dazu verurteilt wird, als Schwein wiedergeboren zu werden.

Gleichzeitig ist es gerade diese Fremdheit, die seine Romane zu großen Entdeckungen werden lassen können. Das gilt zum Beispiel für Martin Walser, der ein großer Fürsprecher Mo Yans ist. Oder für die Jury der Berlinale, die die Verfilmung seines Romans "Rotes Kornfeld" 1988 mit dem Goldenen Bären auszeichnete. 

Nicht nur in China ist er also ein Mann, der viel zu sagen hat, wenn man auf ihn hört. "Sprachlos" ist Mo Yan daher sicher nicht. Er spricht nur niemandem nach dem Mund.

Christine Gerberding (NDR) über den Preisträger Mo Yan
tagesschau24 13:30 Uhr, 11.10.2012

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