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Marseille ist Kulturhauptstadt 2013

Fabelwesen, Wanderkünstler und Hunderte von Eseln

Seit 1985 verleiht die Europäische Union Städten den Titel der Kulturhauptstadt. 2013 soll es die Stadt Marseille sein. Auf einem Kunstwanderweg kann man das halbe Land von der Provence bis zum Marseiller Rathaus durchqueren und futuristische Krangebäude und Diskussionsforen sind noch geplant.

Von Evi Seibert, SWR-Hörfunkstudio Paris

Die Hafenstadt Marseille ist Kulturhauptstadt 2013.
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Die Hafenstadt Marseille ist Kulturhauptstadt 2013.

In der Maison Diamantee, einem alten Stadtpalast, planen die 70 Mitarbeiter ein Mega-Event. Ein Deutscher steht an der Spitze, Ulrich Fuchs ist Vize-Intendant des Vereins Marseille - Provence 2013. Er hat Erfahrung, er hat schon Linz als Kulturhauptstadt gemanagt. "Marseille ist von der internationalen Jury 2008 deswegen zur Kulturhauptstadt ernannt worden, weil die Jury zu Recht gesagt hat: 'Marseille hat’s am nötigsten'", sagte Fuchs.

Damit hat er zweifellos recht. Bis jetzt ist wohl kaum ein Tourist nach Marseille gefahren wegen des überbordenden Kulturangebots. Aber Marseille hat andere Qualitäten. Die Menschen reden hier noch miteinander, so Fuchs: "Man sagt doch, Marseille ist die Stadt mit dem geringsten Prozentsatz von Briefkästen, weil hier einfach nicht geschrieben wird, sondern mehr geredet."

Kulturhauptstadt Marseille
E. Seibert, SWR Paris zzt. Marseille
21.12.2012 15:55 Uhr

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Die Menschen kommen von überall her: "Die ersten Kontaktaufnahmen mit meinen Nachbarn in dem Haus, in dem ich eine Wohnung gefunden habe, verliefen in der Regel so, dass ich gefragt habe: Und stammen Sie aus Marseille? Und die Antwort war: Ja, aber meine Großmutter ist Armenierin. Oder: Meine Eltern stammen aus Italien. Und wie auch immer". Marseille ist ein Melting-Pot verscheidenster Nationen.

Namhafte Künstler schaffen neue Werke

Die Ausrichtung des Programms für die Kulturhauptstadt soll diesen Menschen entsprechen. Viele ungewöhnliche Ideen sind dabei. So schaffen namhafte Künstler neue Werke in normalen Marseiller Betrieben und Büros. Damit soll Kulturarbeit in den normalen Arbeitsalltag eingebracht werden und Berührungsängste abgebaut werden.

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Kulturhauptstädte seit dem Jahr 2000

Die Hafenstadt Marseille ist Kulturhauptstadt 2013.

Seit 1985 vergibt die Europäische Union jährlich den Titel der Kulturhauptstadt. 2013 wurden die Städte Marseille und Korsice ausgewählt. In der Hafenstadt Marseille werden derzeit mehrere neue Bauten errichtet und Ausstellungen vorbereitet. Besucher sollen unter anderem durch einen Kunstwanderweg angelockt werden, der von der Provence bis zum Marseiller Rathaus führt. (Foto: dpa)

Die libanesische Konzeptkünstlerin Mona Hatoum verbrachte zwei Wochen in einer Marseiller Glaserei, zusammen mit Glasbläser David Weiss, der vorher noch nie etwas mit einem Künstler zu tun hatte: "Das hat sehr viel Spaß gemacht. Das größte Problem war, das richtige Rot für ihre Glaskugeln zu finden." Nun steht das Werk, eine rote Glasskulptur in einem Metallkäfig, am Eingang der Werkstatt und wird demnächst ausgestellt.

Durch die Provence zum Marseiller Rathaus

Essen war Kulturstadt 2010.
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Essen wurde 2010 zur Kulturstadt ernannt.

Der Marseiller Autor Baptiste Lanaspeze hat einen Kunstwanderweg von 200 Kilometern konzipiert. Er führt quer durch den alten Hafen: "Man kommt von Aix, der Weg führt durch die Provence,  aber auch durch Industriebrachen und Supermarktgelände, entlang der Autobahn. Irgendwann kommt man hier am Marseiller Rathaus an, setzt über und auf der anderen Seite geht es wieder hoch weiter durchs Land", so Lanaspeze. GR 2013 heißt der Wanderweg, der von Wanderkünstlern animiert wird.

Noch abgefahrener ist das Projekt Transhumance. Hunderte Pferde, Esel und Stiere werden in einem Massenauftrieb von allen Seiten Südfrankreichs und der angrenzenden Mittelmeerländer zusammenkommen. Man kann sie auf ihrem Weg nach Marseille begleiten, abends gibt es dann Performance-Darbietungen. Einer der Pferdekünstler, Manolo, lebt am Stadtrand von Marseille mit seinen Pferden, auf einem großen Gelände mit Zirkuskuppel. "Wir leben hier als Fabelwesen, halb Mensch halb Tier. Unsere Pferde sind ein Teil von uns", sagte Manolo.

"Man hat das Gefühl, die ganze Stadt wird umgebaut"

Neben diesen Spezial-Events für das Kulturjahr wird Marseille aber auch dauerhafte Kulturetablissements bekommen. Überall ragen die Kräne in den Himmel, man hat das Gefühl, die ganze Stadt wird umgebaut. Vor allem am Hafen wachsen die Neubauten. Natalie Cabrera, die zum Team der Kulturmanager gehört, geht in ihrer Mittagspause öfter ans Meer, um sich den Fortschritt der Baustellen anzusehen. "Hier an der Küste ist das Panier, das älteste Viertel Marseilles. Es ist wie ein typisch mediterranes Dorf, mit kleinen Gässchen und Wäscheleinen über der Straße. Es wirkt ein bisschen wie in Neapel.", meinte Cabrera. "Und auf der Meeresseite entsteht das neue Marseille. Mit den neuen Museen, die von weltberühmten Architekten gebaut werden, mit den Wolkenkratzern, die hier entstehen. Es ist das größte Städtebauprojekt Europas."

480 Hektar Hafen werden für das Mega-Stadtrenovierungsprojekt umgekrempelt. Direkt am Anfang der Mole stehen zwei Prestigeobjekte, zum einen das Museum für die Zivilisation des Mittelmeers, kurz MUCEM: "Das Museum für die europäische und mittelmeerische Zivilisation, das eben als ein ethnologisches Museum die Verbindung zwischen Europa und dem Mittelmeerraum auch thematisiert - es ist schon gut, dass das in Marseille sein wird. Eine Sensation. Muss man sich auf der Zunge mal zergehen lassen. Das erste nationale Museum Frankreichs außerhalb von Paris entsteht 2013 in Marseille.", sagte Fuchs.

Ein futuristisches Krangebäude und ein Diskussionsforum

Luxemburg zählt zu den Kulturstädten 2007.
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Luxemburg, die Kulturhauptstadt 2007, fazinierte mit riesigen Marionetten bei einem Straßenumzug.

Auch optisch ist das MUCEM ein Hingucker, ein massiver Glaskasten mit einer Art aus Beton gehäkelter Spitzenbordüre. Gleich daneben ein weiteres architektonisches Highlight: das Centre Regional de la Mediterranée, auch Villa de la Mediterranée genannt. Der Begriff Villa täuscht etwas. Da entsteht ein futuristisches Krangebäude, mit einem Ausleger, der so lang ist, dass man ständig befürchtet, das Gebäude könnte nach vorne wegkippen.

Mario Bastinelle vom Architekturbüro des Italieners Stefano Boeri beschriebt das Wunderwerk: "36 Meter ist der Ausleger lang, der Größte der Welt. Außerdem wird Meerwasser in das Gebäude fließen. Es hat drei Stockwerke, oben im Ausleger wird man durch Dachfenster den Himmel sehen, dann die Meeresebene, wo das Wasser durch den Fußboden fließt und schließlich eine Unterwasserebene. Alles ist durchlässig, man kann von der Unterwasserebene bis in den Himmel sehen."

Künstlerisch wird das Museum von Vincent Gaston betreut, der dafür ein ganz eigenes Konzept erarbeitet hat: "Es ist weder ein reines Museum, noch ein Kulturzentrum. Es ist eine Art Diskussionsforum. Die Bewohner des Mittelmeer-Raumes sollen begreifen, dass sie selbst Akteure sind in ihrer Region."

Eine neue Lebenswirklichkeit für Marseille

Der Zeitplan für die Museen und die Ausstellungen ist eng. Aber die Kulturmanager sind optimistisch, dass alles rechtzeitig fertig wird. Ulrich Fuchs hofft, dass es letztlich mehr als nur ein Kulturjahr wird - dass sich die ganze Stadt dadurch verändern wird.

"Von den Marseillern sagt man ja, sie sind stolz, Marseiller zu sein, aber nicht unbedingt stolz auf ihre Stadt. Und wenn das sich zum Beispiel verändern würde im Kulturhauptstadtjahr, dass sie nicht nur stolze Marseiller sind, sondern stolz auf ihre Stadt, dann wäre schon viel erreicht.", so Fuchs.

Stand: 21.12.2012 20:24 Uhr

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