David-Bowie-Schau in London Das androgyne Fabelwesen - auf Wochen ausverkauft

Stand: 24.03.2013 13:16 Uhr

An diesem Wochenende wird die Ausstellung "David Bowie is" eröffnet - und musste gleich um zwei Wochen verlängert werden. Denn das "Victoria & Albert"- Museum in London hat beim Vorverkauf einen Ansturm erlebt wie noch nie: Auf Wochen ist die Schau ausverkauft. Und Bowie selbst macht sich rar.

Von Gabi Biesinger, ARD-Hörfunkstudio London

Das Ganze wirkt wie die perfekte Marketingstrategie: Nach zehn Jahren Funkstille stellt David Bowie plötzlich, ganz nebenbei, ein neues Album ins Internet. Zufällig ein paar Wochen bevor die lang angekündigte Retrospektive in einem der berühmtesten Museen der Welt eröffnet. Aber beim Victoria & Albert Museum schwören sie, Bowie hätte sie mit seiner neuen Platte "The next day" selbst überrascht.

"Wir hätten uns nie träumen lassen, dass David Bowie in 40 Ländern die Charts anführt, wenn wir eröffnen", staunt Kuratorin Victoria Broackes. "Wir wollten die Ausstellung machen, weil er für viele Menschen den Soundtrack zu ihrem Leben geliefert hat."

Bowie öffnet erstmals sein Privatarchiv

David Bowie hat für die Ausstellung zum ersten Mal sein riesiges Privatarchiv geöffnet. Beteiligt war er bei der Zusammenstellung nicht. Außer auf der Bühne hat sich David Bowie selten in den Vordergrund gedrängt. Und das sei Teil der Faszination, meint der deutsche Direktor des Victoria & Albert Museums, Martin Roth: "Ich glaube, was ihn so extrem interessant macht, ist, dass er quasi verschwindet. Er ist wie ein Schamane. Er ist eine Projektionsfläche für unendlich viele Vorstellungen, was David Bowie ist und sein kann. Und einen Künstler zu haben, der das abbildet, das ist wirklich wert, ihn zu zeigen."

Ob Schamane, Chamäleon, Stilikone oder androgynes Fabelwesen - der Künstler David Bowie hat der Welt im Laufe seiner Karriere fast alle paar Monate eine neue Person präsentiert. 300 Stücke haben die Kuratoren in zwei großen Räumen zusammengestellt, allein 60 davon sind Kostüme: Der bunte Anzug von Ziggy Stardust natürlich, das Pierrot-Kostüm von Scary Monsters oder der Mantel mit der britischen Flagge, den er mit Alexander McQueen für das Platten-Cover von "Earthling" entworfen hat.

Bühnenkostüm von David Bowie | Bildquelle: Reuters
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"Er ist eine Projektionsfläche für unendlich viele Vorstellungen", sagt der Direktor des Viktoria & Albert Museum. 300 Stücke zeigt die Schau...

Bühnenkostüm von David Bowie | Bildquelle: dpa
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...allein 60 davon sind Kostüme. Den Mantel mit der britischen Flagge entwarf Alexander McQueen für das Cover des Albums "Earthling".

Er kontrollierte jeden Aspekt seiner Wirkung

Dazu jede Menge Videos. Zu sehen ist, wie Bowie 1969 mit "Space Oddity" und "Major Tom" der Durchbruch gelingt, als die Amerikaner auf dem Mond landen. An der Wand, hingekritzelte Songtexte auf Linienpapier, wie aus einem Schulheft gerissen. Oder peinlich genaue Anweisungen zum Lichtkonzept bei einem Auftritt, die zeigen, wie sehr Bowie jeden Aspekt seiner Wirkung kontrollierte.

Erklärungen liefert ein Funk-Kopfhörer, der automatisch auf die Ausstellungstücke reagiert und die passende Passage einspielt. Da kommt David Bowie dann auch selbst mal zu Wort. Man darf sich mit dem Kopfhörer nicht zu schnell durch die Ausstellung bewegen, sonst reißen die Erzählungen ab.

In seiner Berliner Zeit Ende der Siebzigerjahre hat Bowie seinen Freund Iggy Pop in Öl gemalt. Daneben hängt im dämmerigen Licht ein schweres Schlüsselbund in einer Vitrine. Es soll zu Bowies Wohnung in der Hauptstrasse 155 in Berlin gehört haben - der Nachmieter dürfte sich gefreut haben, dass Bowie den Schlüssel behielt.

"David Bowie ist überall"

Auch die Figuren mit den Videogesichtern, die im Video zu seiner neuen Single "Where are we now" durch Berlin driften, sind schon zu sehen. Am Ende dann die ultimative Kathedrale für Bowie: Von zwei meterhohen Videowänden singt Bowie übermenschlich riesengroß auf die Besucher nieder.

"David Bowie is"-Schau in London | Bildquelle: AFP
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Die ultimative Kathedrale für den "Thin white Duke": Bowie singt übermenschlich von Videowänden.

Und die sind fast erschlagen. Überwältigend, fast zu viel, um es zu erfassen, so der erste Eindruck. Man muss sich viel Zeit lassen. Und so taumelt man etwas reizuberflutet aus der Welt des David Bowie in den letzten Ausstellungsraum. Dort zeigen die Kuratoren in einer Wechselausstellung, die sich in den kommenden Monaten immer wieder ändern wird, unter der Überschrift "David Bowie ist überall" wie Bowie unsere Welt komplett durchdrungen hat. Schließlich sei er überall erklärt Kuratorin Victoria Broacks: Natürlich wirke er in der Musik, in der Kunst, in der Mode, aber auch in weniger offensichtlichen Bereichen, wie Videospielen fort.

Das Periodensystem des David Bowie

Bei dem Wunsch, etwas Ordnung und Struktur in die unfassbare Welt des David Bowie zu bringen hilft dort dann zum Beispiel der schottische Künstler Paul Robertson: Robertson ist Naturwissenschaftler und nutzt das Raster des Periodensystems der chemischen Elemente als Mittel seiner Kunst. Und so hat er erst vor wenigen Wochen das "Periodensystem des David Bowie" an die Wand gebracht. Wo sonst die chemischen Elemente in Kästchen verzeichnet sind, sieht man nun die Menschen, die Bowie beeinflusst haben.

Es sei im Grunde ein Porträt von Bowie, obwohl er nicht drauf sei, erklärt Paul Robertson. Dafür seien die Menschen drauf, die Bowie zu seiner Kunst inspiriert hätten, mit der er dann dieses weltweit geachtete Kulturphänomen geworden sei. Weiter unten zeigt Robertson dann noch die Künstler, die Bowie dann inspiriert habe. Und so entdeckt man das ewige Chameläon David Bowie irgendwo zwischen Neil Armstrong, dem ersten Mann auf dem Mond, und Steve Jobs, dem Meister der minimalistischen Kreation einer Weltmarke.

Zwischen Andy Warhol, Kurt Weill und Kraftwerk oder zwischen mehr oder weniger sympathischen Denkern von Dalai Lama bis Mao. Und andererseits spiegelt sich David Bowie in Künstlern von Boy George über Madonna bis Lady Gaga. Bowie ist omnipräsent und doch nicht da. Aber vielleicht ändert sich das ja noch im Laufe der Ausstellung orakelt Museumschef Martin Roth: "Der Titel der Ausstellung ist ja 'David Bowie is'. Und David Bowie is not here yet. Aber ich denke, dass er irgendwann in nächster Zeit kommt. The next day, vermutlich."

Dieser Beitrag lief am 23. März 2013 um 05:15 Uhr im Deutschlandradio Kultur.

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