Dario Fo | Bildquelle: dpa

Unbequemer Nobelpreisträger Dario Fo - auch mit 90 noch Wut im Bauch

Stand: 24.03.2016 09:56 Uhr

Dario Fo nimmt kein Blatt vor den Mund. Wenn dem italienischen Schriftsteller, Schauspieler und Dramatiker danach ist, benennt er unverblümt Missstände. 90 Jahre alt wird der Nobelpreisträger heute. Noch heute redet er wie ein wütender Jungspund.

Von Jan-Christoph Kitzler, ARD-Studio Rom

Er kann es nicht lassen - auch mit seinen 90 Jahren muss Dario Fo sich immer noch einmischen. Gerade erst hat er scharf gegen Öl- und Gasbohrungen vor der italienischen Küste Stellung bezogen. Dem Kandidaten, den Silvio Berlusconi zum neuen Bürgermeister von Rom machen will, bescheinigte er vor ein paar Tagen: Er habe ein Arschgesicht.

"Ich informiere mich, weiß, was läuft. Ich lasse mir Romane vorlesen und Bücher über Wirtschaft und Politik. Jeden Tag lese ich die Artikel, die ich brauche und ich schreibe - für Zeitungen. Fast immer informiere ich über das, was passiert. Ich versuche, den Menschen die Augen zu öffnen."

Kein Mann des feinen Floretts

Dario Fo war noch nie ein Mann des feinen Floretts, eher ein Freund der harten Schläge. Und auch mit 90 Jahren hat er noch immer eine ziemliche Wut im Bauch. Wenn man ihn trifft, kommt diese Wut liebenswürdig und charmant daher. Dennoch wird zum Beispiel ziemlich schnell klar, wie schwarz der Nobelpreisträger für sein Land Italien sieht. Er unterstützt die Protestbewegung "Fünf Sterne".

Dario Fo im Interview mit ARD-Korrespondenten | Bildquelle: Jan-Christoph Kitzler
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Dario Fo im Interview mit ARD-Korrespondenten Jan-Christoph Kitzler

Von der Politik der Regierung von Matteo Renzi hält er nicht viel, daran ändert auch der Kulturminister nichts, der eigens gekommen ist, um zu gratulieren:

"Ich sehe schwarz, denn es fehlt die richtige und ehrliche Einbeziehung der Bürger. Versprechen werden nicht eingehalten. Es gibt keine Klarheit darüber, wer die Partei ist, die sich demokratisch nennen lässt. Und all das und dass man moralisch, zivil unehrlich ist, sorgt dafür, dass die Leute die Politik nicht mehr ertragen können."

Dario Fo hat lange Kämpfe hinter sich - zusammen mit Franca Rame, der Frau, mit er über Jahrzehnte symbiotisch zusammengelebt und gearbeitet hat. Ihre Theaterstücke waren echte Aufreger. Um gerechte Preise ging es, offene Beziehungen, um biblische Geschichten und um Heilige.

alt Dario Fo und seine Frau Franca Rame | Bildquelle: picture-alliance / dpa

Zur Person

Dario Fo wurde am 24. März 1926 im norditalienischen Sangiano geboren. Er ist Theaterautor, Regisseur, Bühnenbildner, Komponist, Erzähler, Satiriker und Schauspieler. 1954 heiratete er die 2013 verstorbene Schauspielerin und spätere politische Aktivistin Franca Rame. Die beiden arbeiteten sehr eng zusammen. Deshalb betont Fo stets, dass der 1997 an ihn verliehene Nobelpreis eigentlich ihnen beiden galt.

Respekt hatten Fo und Rame, die vor fast drei Jahren gestorben ist, vor nichts und niemandem. Doch es gab die, die das gesellschaftszersetzend fanden. Es gab Gegenwind, sagt Fo:

"Irgendwann haben sie uns mit mehr Härte blockiert. Sie haben versucht, uns Bomben vors Theater zu legen, sie wollten uns abfackeln. Gegen mich gab es rund 40 Prozesse, auch gegen Franca. Und dann gab es die Gewalt gegen sie. Wir haben schreckliche Gewalt ertragen, aber wir haben uns immer wieder erholt."

Fo - eine "nationalen Angelegenheit"

16 Jahre lang war Dario Fo aus dem italienischen Fernsehen ausgesperrt. Seit dem Literaturnobelpreis 1997 aber hat sich das geändert. Seitdem ist er eine nationale Angelegenheit in Italien. Den Preis haben sie beide, Franca Rame und er, gewonnen, sagt Fo.

Aber es gab auch viel Kritik. Dass ausgerechnet dieser Schauspieler, Maler, dieser Berserker und Narr, der nebenbei auch manchmal schreibt, diesen Preis bekommt, haben viele nicht verstanden:

"Für sie gab es eine Art Kaste von Schriftstellern, die vorgaben, das Recht zu haben, diesen Preis zu bekommen. Das Recht auf den Nobelpreis hatten nur die echten Literaten. Und dann kommt ein Schauspieler und gewinnt den größten Preis! Das hat gestört, viele haben sich sehr geärgert. So sehr, dass man sich hassen konnte."

Dario Fo bei der Übergabe des Literatur-Nobelpreis in Stockholm | Bildquelle: picture-alliance / dpa
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Dario Fo erhielt 1997 den Literatur-Nobelpreis

Applaus in Verona

In Verona wurde Dario Fo dieser Tage gefeiert. Er hat der Stadt sein privates Archiv übergeben. Es gibt Texte, aber auch viele Bilder, Puppen, Bühnenbilder, Kostüme … Es ist nicht ganz einfach, sich von dieser Schaffenskraft ein Bild zu machen. Aber was davon wird bleiben?

"Das wirkt vielleicht etwas seltsam, aber ich habe nicht gelebt, damit man sich an mich erinnert. Vielleicht könnte ich ja als der in Erinnerung bleiben, der seine Einfälle aus dem Morast gezogen hat - und auch das Naive, das Unbedarfte."

So will er es weiter halten, so lange es noch geht. Mit seinen 90 Jahren wirkt er dabei erstaunlich stark, manchmal fast wie ein wütender Jungspund.

Unbequemer Nobelpreisträger - Dario Fo wird 90
J.-C. Kitzler, ARD Rom, zzt. Verona
24.03.2016 05:36 Uhr

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Über dieses Thema berichtete NDR Info am 24. März 2016 um 10:39 Uhr

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