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Charles Dickens zum 200. Geburtstag
Charles Dickens zum 200. Geburtstag

Dichter der Nation

Heute vor 200 Jahren wurde Charles Dickens geboren. Mit seinen Romanen "Oliver Twist", "Große Erwartungen" oder "Eine Weihnachtsgeschichte" erlangte der Engländer Weltruhm. In Großbritannien sorgte jüngst eine Neuverfilmung von "Große Erwartungen" für hohe Einschaltquoten.

Von Barbara Wesel, RBB-Hörfunkkorrespondentin London

Die Neuverfilmung des Dickens-Romans "Große Erwartungen" war der Fernseherfolg der BBC über Weihnachten. Millionen folgten dem Aufstieg und schweren Leben, den sozialen Wirren und dem Auf und Ab des Liebeslebens des Waisenjungen Pip. Der Mehrteiler schlug locker andere Shows und Filme aus dem Feld - für die Briten ist Dickens einfach ein Teil ihrer nationalen Identität.

Audio: Dickens zum 200. Geburtstag: Warum ihn die Briten lieben

AudioBarbara Wesel, RBB-Hörfunkstudio London 07.02.2012 05:11 | 3'37
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Er gehört zu London, zum 19. Jahrhundert, seine Helden sind in die Umgangssprache eingegangen: Scrooge sagt man an Weihnachten zu jahreszeitlichen Spielverderbern, die Geiz und schlechte Laune zeigen - nach Dickens berühmter Weihnachtsgeschichte.

Charles Dickens auf einer zeitgenössischen Darstellung (Foto: dpa) Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Charles Dickens auf einer zeitgenössischen Darstellung ]
Die Schilderung des elenden Lebens von Oliver Twist, seine grausame Behandlung im Armenhaus kennt jedes englisch sprechende Kind: "Der Raum in dem Arbeitshaus, wo die Jungen zu Essen bekamen, war eine große steinerne Halle mit einem Kupferkessel an einem Ende, aus dem der Master, der dafür eine Schürze trug, zur Essenszeit die Hafersuppe löffelte. Von dieser festlichen Zubereitung bekam jeder Junge eine Schüssel, nicht mehr. Jungens haben im allgemeinen einen hervorragenden Appetit. Oliver Twist und seine Gefährten wurden so gierig und wild vor Hunger, dass einer Angst bekam, er könne nachts den Jungen essen, der neben ihm schlief."

In wenigen Sätzen zeichnet Dickens das Bild der ganzen Verzweiflung des Elends der Waisenjungen; mit distanziert ironischem Unterton, solle doch keiner glauben, dass er übertreibt.

Dickensian als Synonym für Ausbeutung

Dickensian ist ein Begriff für Ausbeutung, Armut und Rechtlosigkeit im Großbritannien des 19. Jahrhunderts geworden, aber auch für verwickelte Handlungen mit vielen Schicksalsschlägen. "Das ist ein Wort, das jeder versteht. Jeder weiß, was gemeint ist, bestimmte Eigenarten englischen Lebens. In jedem Buch schafft er diese machtvolle Welt, die Menschen anspricht", sagt Claire Tomalin, die dem Superstar der englischen Literatur eine neue Biographie gewidmet hat. Ihr 400 Seiten Wälzer ist hochgelobt und ein Renner in den Buchläden.

Der 200. Geburtstag erneuert einmal mehr die Faszination der Briten über ihrem berühmten Autor. Tatsächlich war Charles Dickens wohl der erste weltweit erfolgreiche Autor des 19. Jahrhunderts, sein Publikum in Amerika und Australien war mindestens so hingerissen wie das zu Hause im Königreich. Später verlor sein Ruf: In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts fand man ihn überladen, sentimental, zu viktorianisch – heute gilt er wieder als literarische Größe, trotz ausufernder Handlungsstränge mit Hang zur Kolportage, überbordend ausgeschmückten Szenen und manch unglaubwürdiger, schwacher Figur – besonders seine jungen Frauen sind eher Papier. Dennoch: Die Wucht, mit der er Armut und Härte, aber auch Witz und Überlebenskraft des viktorianischen England verewigt, hat ihm zu einem einzigartigen populären Ruhm verholfen.

"Etwas in ihm ergreift die Leser"

"Es ist erstaunlich, wie er sich gehalten hat. Wie er in aller Welt für die Menschen noch etwas bedeutet, in Russland, in China, den arabischen Ländern kennen die Leute die Namen seiner Helden – etwas in ihm ergreift die Leser, er war einer der ganz großen Schriftsteller", urteilt Biografin Tomalin.

Dickens war auch ein Sozialreformer

Dickens war auch ein Sozialreformer. In Zeitungsartikeln und Flugschriften wies er unermüdlich auf das Elend der Armen hin, auf den Mangel an Bildung und an Hoffnung, auf die Brutalität der Klassengesellschaft. Manches davon erscheint im Großbritannien von heute fast wieder aktuell, angesichts der gegenwärtigen Kürzungen im Sozialetat.

Dickens schrieb zeitlebens über das, was er selbst vor allem in seiner Jugend erfahren hatte: Sein Vater hatte zwar Arbeit bei der Royal Navy, konnte aber nicht mit Geld umgehen und landete immer wieder im Schuldgefängnis. Sohn Charles wurde daher mit zwölf Jahren vorübergehend in eine Fabrik für Stiefelwichse gesteckt. Er wusste, was Kinderarbeit bedeutete - aus eigener Anschauung. Für eine Schule reichte das Geld nicht in seiner Familie, die eigentlich dem unteren Mittelstand angehörte.

Er wollte den Erfolg

Dickens war ein Selfmade Mann, der sich seinen Aufstieg hart erarbeitete, unermüdlich, hungrig und gierig nach Leben und Erfolg. "Er hatte Energie für zehn Männer. Er war beispielsweise wild aufs Theater, in seiner Jugend ging er jeden Abend. Als er dann seine Romane schrieb, schrieb er sie durch die Stimmen seiner Charaktere", sagt Tomalin.

Dieses theatralische Element macht seine Geschichten so lebendig, das Ohr für das echte gesprochene Wort, das Auge für jede Einzelheit in den dreckigen Londoner Slums der Zeit und das Gespür für menschliche Schwächen, für Habgier, Geiz, Grausamkeit, Gefühlskälte, Dummheit - für jede Eigenschaft steht eine von Dickens’ Figuren.

"Was ihn so interessant macht, ist, dass er diese außerordentlichen Romane schrieb, großartige Handlungen. Sein eigenes Leben, das er für sich behielt, ist fast so interessant wie seine Romane", schwärmt Tomalin.

Charles Dickens war ein Kind des 19. Jahrhunderts

Charles Dickens war ein Kind seiner Zeit, des 19. Jahrhunderts mit der industriellen Reform und dem unerhörten Reichtum aus dem British Empire. Er hat seine Zeitgenossen schärfer gesehen als viele andere.

Und er verachtete Politiker aus tiefstem Herzen. Seine manchmal etwas langatmigen Romane finden in Zeiten der kurzen Aufmerksamkeitsspanne vermutlich weniger Leser als früher. Das Massenpublikum kennt vor allem die Verfilmungen. Für die angelsächsische Welt aber bleibt er einer der Unvergänglichen, Großen.

Stand: 07.02.2012 05:38 Uhr

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