Kommentar

Beate Zschäpe | Bildquelle: AP

Aussage von Zschäpe Mädchen in deutscher Tradition

Stand: 09.12.2015 12:03 Uhr

Beim NSU-Prozess hat die Verteidigung Klischees über Frauen strapaziert, um Beate Zschäpe als naives Mädchen darzustellen: abhängig, emotional, unselbstständig. Zudem wird Zschäpe in eine deutsche Tradition der Schuldverdrängung gestellt: Erst habe man von nichts gewusst - und später nichts tun können.

Von Patrick Gensing, tagesschau.de

Es ist das gute Recht sowie die Pflicht der Verteidigung, durch eine möglichst geschickte Strategie die eigene Mandantin zu schützen. Und es war erwartbar, dass in der verlesenen Erklärung von Beate Zschäpe genau das zugegeben wird, was bereits weitestgehend bewiesen wurde. Der Anteil Zschäpes an den Taten des NSU soll so gering wie möglich erscheinen. Von daher ist es selbstverständlich zulässig, dass Verteidiger Grasel seine Mandantin als "Unschuld vom Lande" inszenieren möchte. Ob die Öffentlichkeit diese Darstellung allerdings glauben muss, ist eine andere Frage.

Summe von Klischees über Frauen

Der Erklärung zufolge ist die Persönlichkeit von Beate Zschäpe exakt die Summe von sämtlichen gängigen Klischees über Frauen. Abhängig von den beiden Uwes sei sie gewesen: Die beiden hätten sie nicht gebraucht, aber Zschäpe die beiden Jungs. Als sie von den Morden erfuhr, sei sie entweder wie betäubt, fassungslos oder so aufgewühlt über die Freunde gewesen, dass sie erst einmal Sekt trinken musste und sogar die Katzen vernachlässigte. Wer würde es ihr verdenken? Ein armes Mädchen mit einer schweren Kindheit in der DDR, das an die falschen Jungs geraten war.

Allerdings will dieses Selbstgemälde nicht wirklich zu anderen Aussagen, Erkenntnissen und Gutachten über eine selbstbewusste Beate Zschäpe passen. Eine Beate Zschäpe, die nicht "herumgeschubst" worden und weder dumm noch gutgläubig gewesen sei. Und genau diese wichtige Rolle von Frauen in der rechtsextremen Szene betonen Experten immer wieder. Sie seien nicht nur Anhängsel der Männer - und würden oft von der Öffentlichkeit unterschätzt.

Tradition der Schuldverdrängung

Auf diesen Effekt hofft offenbar die Verteidigung, wenn nun erklärt wird, Zschäpe habe auch von der Bekenner-DVD nichts gewusst. Und ein politisches Motiv für die NSU-Anschläge habe sie sowieso nicht erkennen können. Zschäpe strapaziert nicht nur Klischees über Frauen, sondern stellt sich in die Traditionslinie der deutschen Schuldverdrängung aus den Jahrzehnten nach der Befreiung vom Nationalsozialismus. Man habe nichts mitbekommen - und wenn man was gewusst habe, hätte man nichts tun können. Und von Politik habe man sowieso keine Ahnung.

Zschäpes Anwalt las zudem vor, die Angeklagte fühle sich "moralisch" schuldig, weil sie "zehn Morde und zwei Bombenanschläge nicht verhindern konnte". Sie entschuldige sich "aufrichtig bei allen Opfern und Angehörigen der Opfer". Auf diese "aufrichtige" Entschuldigung des naiven NSU-Mädchens hätten die Angehörigen der Opfer wohl gut verzichten können. Aber die sind leider ohnehin nur noch Randfiguren bei der großen Zschäpe-Show.

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