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Von Birgit Wentzien, SWR, ARD-Hauptstadtstudio
Wo endet Cleverness und wo beginnt Täuschung? Was ist durchaus augenzwinkernd noch erlaubt, und was ist alles andere als legal? Darum geht es. Nur darum. Aber eben auch darum. Und meine schlichte Erwartung ist: Ein Bundespräsident muss den Unterschied kennen. Muss zwischen Halb-Wahrheit und Wahrheit unterscheiden können. Muss kein Super-Demokrat sein, beileibe nicht. Aber ein Mensch mit Ahnung und ein Mensch mit Haltung. Und er muss ein Mensch sein mit der Größe zur Offenheit bei eigener Fehlbarkeit.
Christian Wulff flog Business Class zum Holzklassepreis, und Wulff zahlte nach. Wulff machte Urlaub in verschiedenen Villen mancher Unternehmensoptimierer und lässt jetzt genau wissen, wo und wie und wann. Und Wulff war Kreditnehmer für's schmucke Eigenheim und legt jetzt den dazugehörigen Vertrag vor.
Halbwahrheiten in der Politik wie im wahren Leben sind ungut, wenn man dabei erwischt wird. Wulff ist erwischt worden. Und Wulff und sein professionelles Präsidialamtsumfeld haben die Nachbearbeitung der Halbwahrheit im Landtag zu Hannover anno 2010 äußerst schlecht gemanagt. Für's Ansehen des ersten Amtes im Staat - unabhängig von Wulff - katastrophal.
Worüber soll ich mich nun mehr erregen? Über die Dreistigkeit, mit der Wulff meinte jonglieren zu können, als er nicht die ganze Wahrheit sagte. Oder über die offensichtlich ganz und gar fehlende Sensibilität von Wulff im Umgang mit dem privaten Kredit? Hat der gewesene Ministerpräsident Wulff tatsächlich geglaubt, als Bundespräsident damit durchzukommen? Warum ging er dieses Abenteuer ein? Und wo sind sie, seine professionellen Berater, die den Mann vor diesem Moment gefälligst professionell in Schutz zu nehmen haben? Auch vielleicht vor sich selbst!
Menschen in Verantwortung müssen ehrlich und belastbar selbst den Ansprüchen gerecht werden, die sie im Amt proklamieren: im Namen der Wahrheit und - wie Wulff - im Namen des deutschen Volkes. Und Wulff ist bereits so lange dabei, dass er weiß, wie's geht! Als der damalige Bundespräsident Johannes Rau die Affären um Flugreisen bewältigen musste, war es der damalige Oppositionspolitiker Wulff, der wissen ließ: Ein Staatsoberhaupt dürfe nicht befangen sein. Es müsse schon der Anschein von Abhängigkeit vermieden werden. Es müsse alles auf den Tisch.
Ein Desaster ist nicht die Halbwahrheit, nicht das Verschweigen, nicht die ganz und gar unterentwickelte Art und Weise, mit der das Bundespräsidialamt die Angelegenheit nun deichselt. Ein Desaster ist der Dunst von Nebel um Wulff, der sich langsam lichtet. Der Anschein von Vorteilsnahme, der vom Bundespräsidenten und seinem Umfeld zumindest ohne jedes pragmatische Geschick für eine Weile in Kauf genommen wurde.
Und die Aussicht jetzt - das ist eine Weihnachtsansprache mit sehr vielen Zuhörern. Und wenn Wulff nicht nur schlau, sondern klug ist, wird er diese Ansprache zu nutzen wissen: mit Rückgrat und Substanz und mit dem Eingeständnis eigener Schwächen und eben darum stark. Ein paar Mal werden wir noch wach!
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