Kommentar

BGH-Urteil zum Formularstreit Ausdruck von Missachtung

Stand: 13.03.2018 17:17 Uhr

Der Selbstwert einer Frau hängt nicht von einem Sparkassen-Formular ab. Doch das Festhalten an der maskulinen Anrede gehört zur Summe von Missachtungen, die Frauen tagtäglich erfahren.

Ein Kommentar von Gigi Deppe, ARD-Rechtsredaktion

Worte sind Bilder im Kopf. Es stimmt, was die Klägerin Marlies Krämer sagt: Wenn Frauen nicht in der Sprache vorkommen, dann ist die Gefahr groß, dass sie von der Gesellschaft vergessen werden. Auch die Wissenschaft ist sich da übrigens einig: Wie wir etwas beschreiben, erzeugt Bilder im Kopf und prägt unser Denken. Wenn da bei der Sparkasse immer nur von dem "Kunden" und dem "Sparer" die Rede ist, kann sich die Vorstellung einschleifen, dass nur die Herren der Schöpfung über Geld verfügen.

Mehr als eine Lappalie

Natürlich hängt der Selbstwert einer Frau nicht von so einem läppischen Sparkassen-Formular ab. Aber die Summe macht es. Überall lauern kleine Missachtungen. Wenn etwa der Handwerker überrascht ist, dass er es mit einer Frau als Auftraggeberin zu tun hat. Oder wenn der Autohändler fragt, ob denn der Mann mitkommt zum Autokauf.

Die Richter berufen sich darauf, was der objektiv denkende Dritte empfindet und auf den allgemein üblichen Sprachgebrauch. Sicher: Für die Mehrheit der deutschsprachigen Menschen ist es ganz selbstverständlich, das "generische Maskulinum" zu benutzen, also die männliche Form als Oberbegriff für alle Geschlechter.

Ausdruck von Missachtung

Die Richter sagen aber auch, dieser Sprachgebrauch würde keine Geringschätzung gegenüber Frauen zum Ausdruck bringen. So? Das ist eine These, die man anzweifeln kann. Nur auf den ersten Blick sieht die Sprache neutral aus. Wie gesagt, die kleinen Missachtungen finden überall statt.

Die Richter verweisen zu ihrer Rechtfertigung auch auf den Gesetzgeber. Der habe sich doch zum Ziel gesetzt, die Gleichstellung von Männer und Frauen sprachlich zum Ausdruck zu bringen. Und trotzdem gebe es in modernen Gesetzen immer noch den "Darlehensnehmer" oder den "Kontoinhaber". Die Richter halten sich fest an dem, was der Gesetzgeber macht. Dabei muss das, was der Gesetzgeber tut, nicht automatisch richtig sein. Vielleicht ist er bloß einfallslos.

Vorkämpferin statt Nervensäge

Immerhin ist der Bundesgerichtshof nicht der Argumentation der Sparkasse gefolgt, weibliche Bezeichnungen würden zu viel Arbeit machen. Das kann im Computerzeitalter niemanden mehr überzeugen. Denn wie leicht ist es, das jeweils passende Formular aus den Vorlagen auszudrucken.

Marlies Krämer hat verloren. Sie will noch vor das Bundesverfassungsgericht ziehen, aber ob sie da gewinnt, ist keineswegs sicher. Unterm Strich hat sie jedoch zum Teil gewonnen. Denn auch wenn sie manche belächeln oder als Nervensäge abtun, hat sie erreicht, dass alle Welt über das Thema nachdenkt. Die 80-Jährige bleibt am Ball - und imponiert.

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Über dieses Thema berichtete NDR Info am 13. März 2018 um 15:08 Uhr.

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