Kommentar

Nach Sieg in Frankreich Auf "Sisyphos Macron" wartet Arbeit

Stand: 08.05.2017 13:39 Uhr

Der Sieg Emmanuel Macrons in Frankreich hat gezeigt, dass sich auch mit proeuropäischem Programm Wahlen gewinnen lassen. Doch die Rettung der EU hat gerade erst begonnen. "Sisyphos Macron" ist jedoch nicht zu beneiden

Ein Kommentar von Holger Romann, ARD-Studio Brüssel

"Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen." Der berühmte Satz des Nobelpreisträgers Albert Camus passt ziemlich gut auf den Sieger der französischen Präsidentschaftswahlen. Emmanuel Macron, 39 Jahre, Kurzzeit-Minister und politischer Neueinsteiger, hat eine denkbar schwierige Aufgabe vor sich. Eine Aufgabe, um die ihn wahrlich niemand beneiden kann und die sich nach Art und Umfang durchaus mit der Strafe vergleichen lässt, die die Götter dem König aus dem antiken Mythos aufgebürdet haben.

Macron hat allen Grund, stolz zu sein

"Sisyphos Macron" muss nun einen gewaltigen Brocken stemmen, aber er hat auch allen Grund, stolz zu sein. Ist ihm doch gelungen, was seit den Anfängen der Fünften Republik nicht einmal deren Gründer, der legendäre Charles de Gaulle, geschafft hat: Praktisch aus dem Nichts gestartet, hat er sämtliche Kandidaten des klassischen Parteienspektrums hinter sich gelassen und mit seiner erst vor Jahresfrist gestarteten Bewegung "En Marche!" das politische System Frankreichs auf den Kopf gestellt.

Wahlsieg sollte deutschen Politikern Mut machen

Mehr noch: Der ebenso ehrgeizige wie charismatische Ex-Banker hat im direkten Duell die mit allen Wassern gewaschene Rechtsextremistin und EU-Hasserin Marine Le Pen überraschend klar aus dem Feld geschlagen und so eine Katastrophe für sein Land und für ganz Europa verhindert. Mit seinem Triumph hat Macron gezeigt, dass sich sogar in diesen unruhigen Zeiten, in denen reaktionäre, nationalpopulistische Scharlatane auf dem Vormarsch sind, Wahlen gewinnen lassen mit einem pro-europäischen, faktenorientierten und auf internationale Zusammenarbeit ausgerichteten Programm. Ein Ergebnis, das Hoffnung macht und auch deutschen Politikern Ansporn sein sollte, es Macron an Argumentationsstärke und Leidenschaft für die europäische Sache gleichzutun.

Frankreich erweist sich als Anker der Stabilität

Dass sich eine Mehrheit der Franzosen auf das Wagnis Macron eingelassen hat und sich ungeachtet der schwierigen wirtschaftlichen und sozialen Lage für Weltoffenheit und Reformen und gegen Abschottung, Protektionismus und Fremdenfeindlichkeit entschied, ehrt die Grande Nation und ist ein Ausweis demokratischer Reife und staatsbürgerlichen Weitblicks. Mitten in der Dauerkrise und nach mehreren verheerenden Terroranschlägen hat sich ein zutiefst verunsichertes Frankreich als Anker der Stabilität erwiesen und der Versuchung widerstanden, den Weg der vermeintlich einfachen Lösungen zu gehen, wie sie ein Donald Trump in den USA oder ein Nigel Farage in Großbritannien leider erfolgreich feilboten. Allein dafür gebühren unseren Nachbarn Dank und Respekt.

Europa ist mit Recht erleichtert

Mit Recht ist in Brüssel und im Rest Europas die Erleichterung nun riesengroß. Wie zuvor schon in Österreich und den Niederlanden wurde auch im EU-Kernland Frankreich die durchaus reale Gefahr gerade noch einmal abgewendet, dass antiliberale Kräfte das Ruder an sich reißen und das arg zerzauste Flaggschiff Europäische Union endgültig zum Kentern bringen. Der gefürchtete Dominoeffekt, der seit dem Brexit-Referendum der Briten durch die Herzen und Köpfe geistert, ist also vorerst gebannt.

Doch bei aller Freude über den glückliche Wahlausgang und die nicht eingetretene Katastrophe: die Rettung des Friedensprojekts EU hat gerade erst begonnen. Und im Alleingang wird auch ein französischer Kennedy das Wunder kaum bewirken können. Zumal er für die Umsetzung seines sozialliberalen Reformprogramms eine Mehrheit in der französischen Nationalversammlung braucht, die er sich bei den Parlamentswahlen Mitte Juni erst noch erkämpfen muss.

Historische Chance für einen Neuanfang Europas

Der Wahlsieg Macrons birgt für Europa die historische Chance eines Neuanfangs, gerade angesichts des bevorstehenden Brexits. Zwei der wichtigsten Ziele: Investitionen für mehr Jobs und eine wirksame Sanierung der Eurozone. Für die übrigen EU-Regierungschefs, vor allem aber für die Kanzlerin und ihren gestrengen Finanzminister, bedeutet das, sie müssen dem französischen Sisyphos die Hand reichen, und ihm dabei helfen, den Stein bergan zu wälzen. Ein bürgernahes, sozialeres und beschützendes Europa, wie es Präsident Macron anstrebt, ist in unser aller Interesse. Damit es Wirklichkeit wird, ist mehr denn je das deutsch-französische Tandem gefragt.

Vorwärts, Sisyphos!
H. Romann, ARD Brüssel
08.05.2017 13:32 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Bayern 2 am 08. Mai 2017 um 13:05 Uhr

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