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Kommentar
Russisches Adoptionsverbot
Ein Zeichen der Unmenschlichkeit
Von Heide Rasche, ARD-Hörfunkstudio Moskau
Russland lässt die Muskeln spielen, trifft aber nicht den wiederentdeckten Erzfeind USA, sondern die Schwächsten in der eigenen Gesellschaft: behinderte Waisenkinder, die in Russland bislang ohne Hilfe aus dem Ausland kaum eine Chance auf eine hoffnungsvolle Zukunft hatten. Das wirft ein Schlaglicht auf die menschenverachtende Einstellung in Teilen der russischen Gesellschaft. Behinderte zählen hier nur wenig, behindertenfreundliche Straßen oder Arbeitsplätze sucht man selbst in Großstädten vergeblich. Eltern behinderter Kinder werden häufig gleich nach der Geburt gedrängt, ihren Nachwuchs zur Adoption freizugeben, damit er dann in einem Kinderheim verschwinden kann.
Die Folge: Im russischen Straßenbild haben Behinderte Seltenheitswert. Dass ausgerechnet überwiegend US-Amerikaner diesen Kindern eine Zukunft bieten wollen, scheint Putin und seinem Gefolge ein echter Dorn im Auge zu sein. Der Erzfeind beweist mehr Menschenliebe als die Russen? Das kann nicht sein. Natürlich kann auch dahinter nur üble Absicht stecken! Der böse Westen unterstützt nicht nur die Regierungskritiker finanziell und will so den Umsturz im heiligen Russland forcieren, sondern beschämt die Russen auch noch durch mehr Menschlichkeit.
Billiger Racheakt
Zwar räumen selbst Befürworter ein, dass es zurzeit um die russischen Kinderheime nicht zum Besten bestellt ist, aber das könne man ja schnellstmöglich ändern. Warum ist das eigentlich nicht schon längst geschehen? Viele Kinderheime und Projekte zur integrativen Förderung behinderter Kinder konnten bisher nur deswegen bestehen, weil sie Unterstützung aus dem Ausland bekamen, auch aus den USA.
Betroffen sein könnten sogar die Kinder, deren Adoption in den USA kurz bevor stand, die ihre künftigen Eltern schon kennengelernt haben, die vielleicht Hoffnung geschöpft haben. Diese Hoffnung wurde gnadenlos zerstört, zugunsten eines billigen Racheaktes, weil die USA es mal wieder gewagt haben, Kritik am russischen Umgang mit Menschenrechten zu üben.
Zurück in den Kalten Krieg?
Ja, auch in den USA steht nicht alles zum Besten, ja, es hat einzelne Fälle von Misshandlungen russischer Kinder in den USA gegeben, auch Todesfälle - 19 in 20 Jahren. Aber kann das wirklich ein Grund sein, ohne Rücksicht auf Verluste zurückzuschlagen? Auge um Auge auf dem Weg zurück in den Kalten Krieg?
Eines haben Putin und seine Anhänger offenbar vergessen: In einer globalisierten Welt können sie nicht ohne Partner überleben, und innenpolitische Probleme lassen sich in einer modernen Welt nicht durch außenpolitische Rundumschläge lösen. Probleme auf dem Rücken der Schwächsten auszutragen, ist kein Zeichen von Stärke, sondern von Unmenschlichkeit!
Stand: 28.12.2012 17:16 Uhr
