Kommentar

Missbrauchsfall von Staufen Die Behörden müssen aufklären

Stand: 07.08.2018 19:49 Uhr

Die strafrechtliche Aufarbeitung des Missbrauchsfalls von Staufen ging schnell. Doch nun muss ebenso schnell geklärt werden, warum die Behörden versagten.

Ein Kommentar von Kolja Schwartz, ARD-Rechtsredaktion

Rausrennen wollte man so manches mal, als der Vorsitzender Richter heute Morgen sein Urteil verkündete. So unfassbar, so grausam sind die Taten, die sich der ganze Saal noch einmal anhören muss.

Eine Mutter verkauft ihr eigenes Kind im Internet, den sieben bis neunjährigen Sohn. An Männer, die ihn vergewaltigen und dabei filmen. Sie missbraucht ihn selbst mit ihrem Lebensgefährten, dem einschlägig vorbestraften Christian L. - immer wieder auf grausamste Art und Weise.

Warum tut eine Mutter so etwas? Das fragt man sich unentwegt. Es fehle ihr an Mitgefühl, hatte der Sachverständige im Prozess ausgeführt. Sie hat ihre eigenen Interessen, die Beziehung zu Christian L. über die Interessen ihres Kindes gestellt. Kann man so wenig Mitgefühl haben, dass einem das eigene Kind so egal ist?

Gut zehn Monate nach der Festnahme des Paares folgte nun die strafrechtliche Verurteilung. Zwölfeinhalb Jahre für die Mutter, zwölf Jahre mit anschließender Sicherungsverwahrung für den Lebensgefährten - für den Mann, der bereits 2010 zu viereinhalb Jahren Gefängnis verurteilt wurde, wegen sexuellen Missbrauchs von Jugendlichen.

In den vergangenen Monaten wurden auch die fünf Männer verurteilt, die sich an dem Kind vergriffen haben oder es sogar töten wollten. Die strafrechtliche Aufarbeitung dieses schrecklichen Falls ging schnell und kann als Erfolg der Ermittler und der Justiz verbucht werden.

Wann nimmt man einer Mutter das Kind weg?

Doch all' diese Verurteilungen können nicht aufarbeiten, was in diesem Fall schief gegangen ist: Im März 2017, sechs Monate vor dem Auffliegen des Missbrauchs, erfährt das Jugendamt davon, dass die Mutter mit einem vorbestraften Sexualtäter zusammenlebt.

Das Kind wird der Mutter vorläufig entzogen. Doch die Gerichte schicken es quasi in die Hölle zurück. Warum, möchte man herausschreien. Doch die Antwort fällt nur im Nachhinein leicht. Denn vom Missbrauch wusste zu diesem Zeitpunkt noch niemand.

Und wann und wie leicht nimmt man einer Mutter das Kind weg? Einer Mutter, bei der man erst einmal davon ausgeht, dass sie ihr Kind beschützt, wie es jede Mutter tun würde und wie sie es den Behörden glaubhaft vorgespielt hatte.

Auflagen nicht kontrolliert

Man hätte die Misshandlungen an dem Jungen nicht ganz verhindern können. Aber hätte man den Jungen bei der Lage nicht zumindest befragen müssen? Warum hat niemand die Auflagen kontrolliert, die jeglichen Kontakt zwischen Christian L. und dem Jungen unterbinden sollten? Einfache Besuche hätten wahrscheinlich offenbart, dass sich keiner daran hält.

Die Familiengerichte und das Landratsamt haben eine Arbeitsgruppe eingerichtet und angekündigt, den Fall aufzuarbeiten und über mögliche Fehler zu sprechen. Nach dem letzten strafrechtlichen Urteil heute müssen Ergebnisse auf den Tisch.

Und der Junge? Man kann ihm nur die liebevollsten Menschen der Welt wünschen, die ihn so beschützen, wie es eigentlich seine Mutter hätte tun müssen. Die Zeit allein wird die Wunden nicht heilen.

Die Behörden müssen aufklären - Kommentar zum Urteil im Missbrauchsfall Staufen
Kolja Schwartz, SWR
07.08.2018 19:18 Uhr

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Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 07. August 2018 um 17:00 Uhr.

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