Kommentar

Wahlsieg von Selenskyj Vom "Land der Träume" in die Realität

Stand: 22.04.2019 19:02 Uhr

Selenskyj verkörpert den Wunsch vieler Ukrainer nach Veränderung. Dass er demokratisch gewählt wurde, ist ein Erfolg. Nun darf er seinen Vertrauensvorschuss nicht verspielen.

Ein Kommentar von Martha Wilczynski, ARD-Studio Moskau

"Schaut uns an! Alles ist möglich!", sagte Wolodymir Selenskyj, kurz nachdem die ersten Hochrechnungen erschienen waren und klar wurde, dass er die Stichwahl um das Präsidentenamt in der Ukraine gewonnen hat. Er richtete seine Worte an alle Länder der ehemaligen Sowjetunion. "Schaut uns an! Alles ist möglich!"

Solange er noch nicht offiziell Präsident sei, könne er das so sagen - nämlich als Bürger der Ukraine, fügte er hinzu. Doch selbstverständlich sagte er das auch als Politikneuling, der soeben einen amtierenden Präsidenten in einer demokratischen Wahl haushoch geschlagen hatte.

Zu konkreten politischen Themen äußerte er sich spät

Tatsächlich ist das etwas, worauf viele Ukrainer stolz sind. Und auch wenn Selenskyj in den Umfragen schon über Wochen hinweg weit vorne lag, war bis zum Ende nicht klar, wer diese Stichwahl wirklich gewinnen würde.

Denn mit ihrer Entscheidung für Selenskyj gehen die Ukrainer auch ein großes Risiko ein. Sie haben einen Mann gewählt, der keinerlei politische Erfahrung hat und der sich auch erst in den letzten Zügen seines Wahlkampfes konkret zu einigen der wichtigsten politischen Themen geäußert hat. Unter anderem zu der Frage, wie er in Zukunft mit Russland und den von Separatisten besetzten Gebieten im Osten der Ukraine umgehen möchte. Also mit einem Kriegsgebiet, in dem noch immer täglich Menschen sterben - und mit einem Konflikt, der seit nunmehr fünf Jahren nicht gelöst werden konnte.

Petro Poroschenko hat in seinem Wahlkampf immer wieder betont, dass die Unerfahrenheit Selenskyjs die Sicherheit der Ukraine gefährden und das Land ins Chaos stürzen könnte. Er verglich ihn mit einem Piloten ohne Flugschein. Und auch wenn so viele Wähler bereits in der erster Runde deutlich gemacht haben, dass sie genug haben von ihrem alten Präsidenten: Es wäre nicht unwahrscheinlich gewesen, dass sie angesichts dieses Risikos doch lieber beim Alten geblieben wären.

Selenskyj muss lernen, konkret zu werden

Umso mehr zeigt diese Wahl, wie sehr sich die Ukrainer Veränderungen wünschen. Und dass dieser Wunsch nun auch politische Konsequenzen hat. Ja, das ist ein Erfolg - und zeigt, dass zumindest das in der Ukraine möglich ist.

Nun aber wird Selenskyj hart daran arbeiten müssen, den Vertrauensvorschuss, den er von den ukrainischen Bürgern bekommen hat, nicht schnell wieder zu verspielen. Er selbst hatte sich bei seinem Rededuell mit dem amtierenden Präsidenten als Quittung für die Fehler und leeren Versprechen seines Vorgängers bezeichnet.

Nun hat aber Selenskyj seinen Wählern nichts weniger als ein "Land der Träume" versprochen. Klar, ein schöner Wahlspruch, den kaum jemand allzu ernst nehmen dürfte. Doch genau hier liegt die Gefahr: Will Selenskyj als Präsident ernst genommen werden - international und vor allem auch von Russland -, muss er lernen, konkret zu werden. In seinen Worten und in seiner Politik. Nur dann hat die Ukraine wirklich eine Chance, ein Vorbild für Länder der ehemaligen Sowjetunion zu werden.

Kommentar zur Ukraine-Wahl: Neuer Präsident - neue Perspektiven?
Martha Wilczynski, ARD Moskau
22.04.2019 18:10 Uhr

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Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 22. April 2019 um 20:00 Uhr.

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