Presseschau zum TV-Duell

"Ein vorgezogenes Koalitionsgespräch"

Stand: 04.09.2017 04:04 Uhr

Die Bewertungen des TV-Duells in der Presse fallen unterschiedlich aus. Doch in einer Sache ist man sich weitgehend einig: Für die von der SPD erhoffte Trendwende reichte der Auftritt von ihrem Kandidaten Schulz nicht. Begründungen dafür gibt es viele.

"Insgesamt eine enttäuschende Nacht für Angela Merkels Herausforderer", heißt es auf "theguardian.com". "Kurz, als es um die Türkei ging, fühlte es sich an, als könnte er die Kanzlerin überraschen. Doch das Format und die Fragen gaben ihm keine Möglichkeit, dieses Momentum zu behalten. Merkel auf der anderen Seite glänzte nicht, aber sie musste es auch nicht."

Für die "Neue Zürcher Zeitung" (nzz.ch) wirkte das TV-Duell "eher wie ein vorgezogenes Koalitionsgespräch denn ein Duell um die Kanzlerschaft. Schulz und Merkel nickten sich oft gegenseitig zu. Der eine sprach, die andere nickte und umgekehrt. Für Schulz ist das schlecht. Es war für ihn, drei Wochen vor der Wahl, das Gespräch der letzten Hoffnung. Jetzt ist diese weg."

"Schulz konnte kaum Punkte sammeln"

"Schulz ist eigentlich der viel bessere Redner", heißt es auf "süddeutsche.de". "Aber das Eigentlich zählt nicht an so einem Abend; Schulz konnte es nicht zeigen, er kam zu selten in Fahrt, er konnte sich nicht entfalten, er konnte kaum Punkte sammeln, kaum Treffer landen. Merkel gelang das besser, auch deswegen, weil sie von den Moderatoren viel weniger unterbrochen wurde als Schulz. Die Frager behandelten Merkel wie eine Majestät und Schulz wie ihren Domestiken; und Schulz gelang es zu selten, das abzustellen. Er präsentierte sich zu oft im Konjunktiv, ja er war der personalisierte Konjunktiv."

TV-Duell mit Schulz: "Merkel blieb Merkel", analysiert die "Badische Zeitung"

"Klare Kante, klare Aussagen - damit punktete Schulz mehrmals gegen eine wie immer abwägende Merkel", meint die "Badische Zeitung". "Besonders spürbar war das in der Frage des Umgangs mit der Türkei. Allerdings wirkte Schulz später ein wenig so, als feiere er innerlich bereits seine stramme Performance. Merkel blieb Merkel und machte gerade dadurch das Beste daraus: Sie dozierte, erklärte und vergaß nie den Hinweis, dass die SPD in der Koalition fast immer dabei war."

Und die "Heilbronner Stimme" schreibt: "Schulz sollte attackieren und die Kanzlerin in die Ecke drängen. Doch der Kandidat verzettelte sich und rutschte einige Mal auf dem glatten Duell-Parkett aus."

"Wacker geschlagen"

"Schulz hat sich sehr wacker geschlagen", befindet die "Nordsee-Zeitung". "Aber neue Hoffnungen auf einen politischen Wechsel konnte er kaum wecken. Wie auch, wenn es keine Wechselstimmung gibt? Mindestens hätte er dafür dieses "TV-Duell" haushoch gewinnen müssen. Hat er aber nicht. Für Schulz waren die 95 Minuten zur besten Sendezeit aber schon deshalb ein Erfolg, weil er sich erstmals einem Millionenpublikum präsentieren konnte. Merkel kennen alle Leute, Schulz viele nicht. Viele haben am Sonntagabend gelernt: Auch der könnte Kanzler."

Und die "Westdeutsche Allgemeine Zeitung" (waz.de) schreibt: "Es gibt keine wirklichen Unterschiede zwischen der Politik Merkels und den Vorstellungen des SPD-Kandidaten: Flüchtlingspolitik, Integration, Abschiebungen, Trump, Erdogan, Nordkorea, innere Sicherheit, Entlastungen für Familien, eine soziale Rentenpolitik - bei vielen Themen sah das Publikum zwei Großkoalitionäre, von denen Schulz bemüht Konflikte suchte und Merkel mögliche Kanten glättete.

Deutlich wurde auch immer wieder: Die wesentlichen Entscheidungen in der Innen- und Außenpolitik haben CDU und SPD gemeinsam getroffen. Für Schulz bleibt es daher bis zur Wahl die größte Herausforderung, eine Kanzlerin zu kritisieren, die eine sozialdemokratisierte CDU führt."