Kommentar

Türkische Außenpolitik in Syrien Ein irrsinniger Konfrontationskurs

Stand: 15.02.2016 19:23 Uhr

Die türkische Syrienpolitik ist seit langem ein Desaster. Nun ist Präsident Erdoğan versucht, sich direkt in den syrischen Wahnsinn hineinziehen lassen. Die Türkei könne dabei nur verlieren, meint Reinhard Baumgarten vom ARD-Studio in Istanbul.

Schlimmer geht immer. Es klingt platt, ja, zugegeben. Aber dieser Gedanke drängt sich auf. Ankara denkt ernsthaft darüber nach, Bodentruppen nach Syrien zu schicken. Ankara holt sich saudische Kampfbomber ins Land, damit die auch noch in Syrien mitmischen können. Ankara feuert mit Haubitzen einerseits auf kurdische Kämpfer und andererseits auf Assad-Truppen.

Ankara liegt mit Moskau über Kreuz und legt sich nun auch mit Washington an. Washington sieht in den Volksverteidigungseinheiten der syrischen Kurden im Gegensatz zu Ankara keine Terroristen, sondern effektive Kämpfer gegen die IS-Terrormiliz.

Die türkische Syrienpolitik ist ein Desaster, und das nicht erst seit dem Eingreifen Moskaus Ende September vergangenen Jahres. Von Anfang an war Ankaras Syrienpolitik geprägt von einseitigem Klientelismus zugunsten religiös-konservativer, sunnitischer Rebellengruppen. Und sie war geprägt von der unversöhnlichen Abneigung der einstigen Männerfreunde Recep Tayyip Erdogan und Baschar al Assad. Daran hat sich bis heute nur wenig geändert.

Hinzugekommen ist das erbitterte Vorgehen gegen säkulare Kurden. Diese schicken sich an, weite Teile Nordsyriens zu beherrschen. Der Erfolg der syrischen Kurden hat maßgeblich dazu beigetragen, den innertürkischen Friedensprozess mit der PKK zu Fall zu bringen. Noch ist es kein ethnischer Konflikt zwischen Türken und Kurden. Noch geht es um Ideologie, Weltanschauung und unterschiedliche Gesellschaftsmodelle von Erdogans AKP einerseits und der kurdischen Bewegung mit PKK und HDP andererseits. Doch die Stimmung droht sich zu verschlechtern, je mehr kurdische Innenstädte zerstört, je mehr Sicherheitskräfte erschossen, je mehr Zivilisten im "Krieg gegen den Terrorismus" getötet werden. 

Nicht in den syrischen Irrsinn hineinziehen lassen

Nun also die Eskalation an der türkisch-syrischen Grenze. Ankara ist dort zum Getriebenen geworden. Jahrelang hat die Türkei Assad-Gegner und Hunderttausende Zivilisten in Teilen Aleppos versorgt. Der russisch-syrische sowie der syrisch-kurdische Vormarsch im Nordwesen Syriens sind herbe Niederlagen für Ankara. Präsident Erdogan ist nun versucht, die Rückschläge durch militärisches Eingreifen wettzumachen.

Tu's nicht, wehre der Versuchung! Auf keinen Fall darf sich die Türkei direkt in den syrischen Wahnsinn hineinziehen lassen, vor allem nicht an der Seite Saudi-Arabiens.

Der Irrsinn auf syrischem Boden ist durchaus noch steigerungsfähig. Man stelle sich vor, türkische und saudische Bodentruppen liefern sich Gefechte mit syrischen und iranischen Kämpfern, oder saudische Jets bombardieren syrische Stellungen und treffen Revolutionsgardisten aus dem Iran.

Die Türkei kann dabei nur verlieren. Sie kann gewinnen, wenn die Führung in Ankara den Friedensprozess im eigenen Land wieder in Gang bringt. Das hätte auch positive Auswirkungen auf die Kurden in Syrien und könnte helfen, die Spannungen im Grenzgebiet abzubauen.

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