Kommentar

Pressekonferenz nach dem Treffen zwischen Trump und Putin in Helsinki | Bildquelle: AP

Nach Trump-Putin-Treffen Weckruf für Europa

Stand: 17.07.2018 15:02 Uhr

Nach den Trump-Tagen hat die EU Gewissheit, dass es von diesem US-Präsidenten nichts mehr zu erwarten hat. Die Antwort muss ein starkes Europa sein - das Handelsabkommen mit Japan ist ein erster Schritt.

Ein Kommentar von Kai Küstner, ARD-Studio Brüssel

Der Sarg mit der Aufschrift "Nachkriegsordnung" ist fast fertig - und Russlands Präsident Wladimir Putin musste noch nicht mal selber Hand anlegen und Nägel einschlagen. Er konnte zuschauen und genießen, wie US-Präsident Donald Trump das ganz alleine erledigte.

Europa jedenfalls dürfte sich in der Woche des Trump-Besuchs gefühlt haben, als habe es - an seinen Sitz gefesselt - einer Horror-Show beiwohnen müssen: Der US-Präsident begann seine Reise am Mittwoch, indem er die NATO-Verbündeten und insbesondere die Deutschen verbal heftig verprügelte. Am Donnerstag drohte er dann, die Allianz zu pulverisieren, am Freitag fiel er der britischen Premierministerin May und ihrem halbwegs gemäßigten Brexit-Kurs in den Rücken. Am Wochenende spielte Trump Golf und bezeichnete die Europäer als Feinde.

Streicheleinheiten für Putin

Am Montag das große Finale: Streicheleinheiten für Russlands Präsident Putin. Der Mann im Kreml wünscht sich seit Langem, dass man auf Augenhöhe mit ihm redet. Mit dieser Unterwerfungsgeste des US-Präsidenten aber dürfte er in seinen kühnsten Träumen nicht gerechnet haben.

Trumps sogenannte Verbündete in Osteuropa haben hingegen allen Grund, sich zu fürchten: kein Wort zu Russlands Einverleibung der Krim, kein Wort zum Verbreiten von Chaos und Krieg durch Moskau in der Ostukraine, auch kein Wort zu Putins tatkräftiger Hilfe für Syriens Präsidenten Baschar al-Assad.

Verbündete werden zu Gegnern und Gegner zu Verbündeten

Die Welt ist nicht mehr nur aus den Fugen - sie steht komplett auf dem Kopf. Für Trump sind Verbündete zu Gegnern und Gegner zu Verbündeten geworden.

Das alles ist sowohl für Europa als auch für die NATO eine verheerende Nachricht: Wer kann sich, gerade in Osteuropa, eigentlich noch sicher sein, dass ihn dieser Mann im Weißen Haus auch wirklich im Krisenfall verteidigen wird?

Den Westen gibt es nicht mehr

Alleine der Zweifel daran gibt einen Eindruck davon, welche Verwüstung der "Hurricane" Trump in Europa angerichtet hat: Den Westen als Chiffre für die transatlantische Einheit von USA und EU gibt es so nicht mehr.

Will man dem Trump-Putin-Treffen überhaupt etwas Positives abgewinnen, dann ist es dies: Es gab schwammige Andeutungen, dass beide über atomare Abrüstung sprechen wollen.

Und ansonsten? Haben die Europäer nun nach einer Woche voller Trump-Tage endgültig Gewissheit, dass sie von diesem Präsidenten nichts mehr zu erwarten haben - nur eben eine ganze Menge zu befürchten.

Die Antwort darauf kann nur lauten: ein geeintes, ein geschlossenes, ein starkes Europa. Nur wenn sie sich ihrer selbst sicher sein kann, wird die EU diesen Mann überleben, der eine Weltordnung herbeizusehnen scheint, in der jeder für sich kämpft: Amerika, China, Russland.

Japan-Abkommen ist die richtige Antwort

Dass die Europäer nun ihr bislang größtes Handelsabkommen überhaupt unterzeichnet haben, und zwar mit Japan, ist genau die richtige Antwort. Aber das wird nicht genügen. Auch heißt das nicht, dass Europa die USA aufgeben sollte. Aber ein fast schon halluzinatorischer Presse-Auftritt Trumps bei der NATO mit einer irrwitzigen Mischung aus Halbwahrheiten und Selbstbeweihräucherung sowie die anschließende Spontanverwandlung Trumps in Putins Schoßhund sollten nun wirklich der endgültige Warn- und Weckruf für Europa gewesen sein. 

 

Kommentar Verkehrte Neue Welt - Europas Trump-Putin-Trauma
Kai Küstner, WDR Brüssel
17.07.2018 15:14 Uhr

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Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 16. Juli 2018 um 22:15 Uhr und berichtete NDR Info am 17. Juli 2018 um 17:08 Uhr.

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