Kommentar

Besuch in Großbritannien Mays Trump-Desaster

Stand: 13.07.2018 20:40 Uhr

Allen Lippenbekenntnissen zum Trotz: Der Besuch von US-Präsident Trump in Großbritannien war für Premierministerin May ein Desaster. Ihre Gegner freuen sich. May braucht jetzt Freunde.

Ein Kommentar von Jens-Peter Marquardt, ARD-Studio London

Schlimmer hätte es nicht kommen können: Mays Brexit-Plan? Ein Killer für die britisch-amerikanischen Freihandelsgespräche. Mays Gegner Boris Johnson? Hat das Zeug zum Premierminister. Das Interview in Großbritanniens auflagenstärkstem Boulevardblatt war eine volle Breitseite des US-Präsidenten gegen die britische Premierministerin. Mit maximalem Schaden für Theresa May.

Dabei hatte sie doch so große Hoffnungen in den US-Präsidenten gesetzt. Sie konnte nach Donald Trumps Amtsantritt gar nicht schnell genug ins Weiße Haus kommen und schaffte es dort, als erster ausländischer Staatsgast dem neuen Präsidenten die Hand zu schütteln.

Mays Anbiederung bei Trump

Auch das wirkte damals schon peinlich: Eine britische Premierministerin in Not, vor dem Austritt des Landes aus der Europäischen Union auf der Suche nach neuen Partnern, vor allem auf der anderen Seite des Atlantiks. May überbrachte damals auch gleich eine Einladung der Queen zum Staatsbesuch mit allem Pomp in London.

Das machte die Anbiederung der Premierministerin an den neuen Präsidenten noch peinlicher: Denn die große Mehrheit der Londoner, an ihrer Spitze Bürgermeister Sadiq Khan, wollte dem Großmaul Trump einfach nicht den roten Teppich ausrollen, er ist in ihren Augen eine unerwünschte Person.

Lippenbekenntnis nach dem Schaden

Deshalb also jetzt statt eines Staatsbesuchs in der Hauptstadt die Arbeitsvisite auf dem Land. Gut möglich, dass das Donald Trump irgendwie aufgestoßen ist. Er nimmt die Dinge ja gern persönlich. Gut möglich, dass die Brexit-Breitseite gegen May nur zum Teil mit seiner Abneigung gegen die EU und den Multilateralismus zu erklären ist.

Alles was danach kam, das Gespräch mit May in Chequers, der Tee mit der Queen, konnte aus britischer Sicht den Schaden nur noch begrenzen, aber nicht wieder gut machen. Das Bekenntnis zu einem ambitionierten Handelsabkommen, wie auch immer der Austritt aus der EU am Ende aussieht - das wirkte angesichts des Vorspiels allenfalls wie ein Lippenbekenntnis.

May braucht jetzt Freunde - in Europa

Günstigstenfalls haben die Briten es hier mit einem US-Präsidenten zu tun, auf dessen Worte kein Verlass ist. Schlimmstenfalls mit einem Präsidenten, dem die Zukunft Großbritanniens nach dem Austritt aus der EU total egal ist.

Die Hoffnungen der Premierministerin auf prosperierenden transatlantischen Handel nach dem möglichen Verlust europäischer Märkte sind jedenfalls auf Sand gebaut. Theresa May steht nach der Trump-Visite nicht gestärkt da, sondern - vorsichtig formuliert - geschwächt. Ihre innenpolitischen Gegner, die harten Brexiters, die nichts mehr mit der EU zu tun haben wollen und das Land in eine wirtschaftliche Katastrophe treiben könnten, reiben sich die Hände.

May wird jetzt Freunde brauchen. Die sitzen nicht im Weißen Haus in Washington, so viel ist klar. Sie sollte sie eher auf dem europäischen Kontinent suchen, bei den alten Partnern der EU.

Trump-Besuch wird zum Desaster für May
Jens-Peter Marquardt, ARD London
13.07.2018 20:14 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Inforadio am 13. Juli 2018 um 13:07 Uhr.

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