Kommentar

Trumps Medien-Schelte Die Rocky Horror Trump Show

Stand: 12.01.2017 14:17 Uhr

Eines hat der gestrige Auftritt gezeigt: Donald Trump redet, wie er twittert. Politik in 140 Zeichen: selbstherrlich, unflätig, ausfällig, drohend. Trump teilt die Welt in Freund und Feind - auch die der Journalisten.

Ein Kommentar von Tina Hassel, Leiterin des ARD-Hauptstadtstudios

Alle Hoffnungen, der Wahlkämpfer Trump könnte dem Präsidenten Trump weichen, der rachsüchtige Rüpel könnte sich nun seriöser und beherrschter zeigen - diese Hoffnungen sind gestern auf der ersten Pressekonferenz nach Trumps Wahl geplatzt.

Selbst im Medienbetrieb Washingtons, der nach anderen Regeln erfolgt als in Berlin, wo Fragen an den Präsidenten teilweise vorher eingereicht werden müssen, wo ausländische Journalisten kaum Chancen haben, an die Reihe zu kommen, und wo auch ein Präsident Obama es sich lange leisten konnte, lieber zu twittern als Pressekonferenzen zu geben - selbst da war die Trump-Show eine beispiellose Provokation. Unprecedented, mal wieder.

Das war keine bizarr-amüsante Reality-Show

Man stelle sich einmal vor, Angela Merkel würde Journalisten das Recht zu Fragen abschneiden, mit dem Ausruf: "Ihre Organisation ist entsetzlich!" Oder die Kanzlerin würde Journalisten renommierter Sender und Zeitungen als Lügner beschimpfen, als die wahren "Fake News", und drohen, der "versagende Haufen Müll" werde schon noch sehen und spüren, was es bedeutet, sich mit der Macht anzulegen. Nein, das war keine bizarr-amüsante Reality-Show.

Und all jene, die sich auch hierzulande nun die Hände reiben, dass da endlich jemand Klartext redet mit der sogenannten "Systempresse", sollte sich das gut überlegen. Der künftige US-Präsident hat nicht nur zu den Medien ein gestörtes Verhältnis, die er wörtlich als "niedrigste Form des Daseins" verachtet. Trump hasst und bekämpft alle, die ihn kritisieren. Das darf sich eine Demokratie nicht bieten lassen. Beim nächsten massiven Angriff auf Kollegen sollten die US-Journalisten geschlossen aufstehen und gehen, statt Trump hinterher zu laufen bis an den goldenen Aufzug.

Auf Dauer werden "Likes" nicht reichen

Auch ein Narzisst wie der künftige US-Präsident wird sich auf Dauer nicht nur mit "Likes" auf Twitter zufrieden geben. Noch hat bislang jeder US-Präsident die Presse gebraucht, spätestens wenn die Dinge nicht mehr rund liefen. Auch Obama hat das erst spät begriffen.

Trumps Spiel mit der Presse sollte kein Journalist mitspielen. Sonst heißt es wirklich: "The winter is coming", der Winter kommt. Unter dem düsteren Titel aus "Game of Thrones" melden sich seit Wochen warnende Stimmen zu Wort.

Tina Hassel war von 2012 bis 2015 Leiterin des ARD-Studios Washington. Mehr zu diesem Thema auch im Bericht aus Berlin am Sonntag um 18.30 Uhr im Ersten.

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Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 12. Januar 2017 um 12:00 Uhr sowie der Bericht aus Berlin am 15. Januar 2017 um 18:30 Uhr.

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