Kommentar

Zustand der EU Mehr Selbstbewusstsein - dank Trump?

Stand: 04.02.2017 04:24 Uhr

Donald Trump verunsichert die Welt, doch auf die kriselnde EU scheint er geradezu heilende Wirkung zu haben. Der neue US-Präsident hat es zwar darauf angelegt, die EU zu zerlegen - doch gerade deshalb hilft er Europas Politikern, zu mehr Einigkeit zu finden.

Ein Kommentar von Tassilo Forchheimer, ARD-Studio Rom

Der alte Kontinent hat schon schlimmere Zeiten gesehen, mögen sich manche der Teilnehmer gedacht haben. Nach aufregenden Tagen mit immer neuen beunruhigenden Nachrichten aus den Vereinigten Staaten wirkte dieser EU-Gipfel irgendwie unaufgeregt. Die Mehrheit der europäischen Staats- und Regierungschefs scheint darauf zu vertrauen, dass sich der neue amerikanische Kollege früher oder später selbst entzaubert.

Mit Bestimmtheit und einer gehörigen Portion Selbstbewusstsein haben etliche europäische Spitzenpolitiker in den vergangenen Tagen auf wichtige Unterschiede hingewiesen. So wie die EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini, die zu Beginn des Gipfels in Malta knochentrocken feststellte, Europa glaube nicht an Mauern und setze stattdessen auf Kooperation und Partnerschaft.

Europa hat aus der Vergangenheit gelernt

In solchen Sätzen steckt die Lebensweisheit eines Kontinents, der gelernt hat aus der Vergangenheit. Europa zieht Kraft aus seiner Vielfalt. Nicht Gleichmacherei ist die Lösung, sondern Offenheit für den anderen, ohne die eigenen Ursprünge zu verraten. Ein Hauch dieses Denkens war auch auf diesem EU-Gipfel zu spüren - als ob der neue US-Präsident, der es darauf angelegt zu haben scheint, die EU in ihre Einzelteile zu zerlegen, Europas Spitzenpolitikern dabei hilft, wieder zu mehr Einigkeit zu finden.

Das mag nicht für alle Staats- und Regierungschefs gelten, aber allmählich scheinen sogar die kritischen Geister ins Grübeln zu kommen. Was damit zu tun haben könnte, dass Länder wie Ungarn oder Polen ein Problem damit haben, wenn ein US-Präsident die NATO in ihrer jetzigen Form in Frage stellt und gleichzeitig die Fühler ausstreckt in Richtung Moskau.

Europa muss noch viel lernen

Europa sollte nicht so viel über andere reden, sondern besser seine eigenen Probleme lösen, das ist auch eine Erkenntnis dieses Gipfels - ob die gewählten Mittel dabei immer die richtigen sind, wird die Zukunft zeigen.

Mehr als unklar ist das bei dem in Malta verabschiedeten Zehn-Punkte-Plan zur Eindämmung der Migration über das Mittelmeer. Hier ist die Gefahr groß, dass Europa seine eigenen Werte in Frage stellt. Wenn es gut läuft, übernimmt der alte Kontinent mehr Verantwortung für Afrika, anstatt einfach nur  Mauern zu bauen.

Europa muss seine neue Rolle finden in der Welt, auch dieser Satz fiel in Malta. Was das konkret bedeutet, werden hoffentlich die nächsten Gipfel zeigen - ganz besonders jener, der Ende März zum 60. Jahrestag der Römischen Verträge in Italiens Hauptstadt stattfindet. Früher hätte sich die EU bei einer solchen Gelegenheit nur selbst beweihräuchert, inzwischen ist wirklich jedem klar, dass das nicht ausreichen wird.

Was steht auf dem Spiel?

Europa hat viele Gründe sich selbst zu feiern, gleichzeitig gibt es mehr Gründe denn je, auch einen Plan für Europas Zukunft zu entwickeln. Eine Vision, die es den Menschen leichter macht, zu verstehen, dass glücklich sein kann, wer in Europa und im Frieden geboren wurde. Denn wie gesagt: der alte Kontinent hat schon schlimmere Zeiten gesehen.

Angesichts der schönen Bilder aus Malta kann man leicht vergessen, dass über dieser Insel im Zweiten Weltkrieg angeblich mehr Bomben pro Quadratmeter abgeworfen wurden als an jedem anderen Ort Europas. Allein das ist ein Grund, innezuhalten und zu überlegen, was so manche Scharfmacher gerade aufs Spiel setzen.

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Dieser Beitrag lief am 04. Februar 2017 um 08:52 Uhr auf WDR 5.

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