Kommentar

US-Präsident Trump und der türkische Präsident Erdogan bei ihrem Treffen in Washington. | Bildquelle: AP

Kommentar Trump treibt Erdogan in Putins Arme

Stand: 17.05.2017 15:22 Uhr

Trotz der Freundschaftsbekundungen: Das Treffen von US-Präsident Trump mit Erdogan war ein Misserfolg - für den türkischen Präsidenten, meint Christian Buttkereit. Die USA sind ihm beim Thema Kurden nicht entgegengekommen. Erdogan dürfte nun Russlands Hilfe suchen.

Ein Kommentar Christian Buttkereit, ARD Studio Istanbul

Es war der Gipfel der Entrückten. Zwei Männer, beide entfernt von der Hälfte ihres Volkes, beide mit einer sehr eigenen Sicht auf die Realität und einer individuellen Interpretation von Demokratie. Zwei, die ihre Welt in Freund und Feind einteilen. Recep Tayyips Erdogans Besuch im Weißen Haus hätte der Freundschaft zwischen beiden Männern und ihren Staaten neue Impulse geben können. Das Gegenteil ist der Fall.

Wendepunkt zum Schlechten

Vor seinem Abflug nach Washington hatte Erdogan von einem historischen Wendepunkt in den türkisch-amerikanischen Beziehungen gesprochen. Das dürfte nach diesem Besuch auch stimmen. Allerdings ist es ein Wendepunkt zum Schlechten. Dass es nicht zu einem Eklat auf offener Bühne kam, dürfte dem Respekt Erdogans vor der Stärke der USA zu verdanken sein. Erdogan, der sich am Sonntag zum Parteichef der AKP wählen lassen will und gerne eine Trophäe präsentiert hätte, kehrt mit leeren Händen nach Ankara zurück.

Erdogan kehrt mit leeren Händen zurück

Zum Teil hat er sich das selbst zu zuschreiben. Erdogan hatte die Erwartungen hoch geschraubt. Meinte er ernsthaft, die Amerikaner würden ihre Entscheidung zur Aufrüstung der Kurdenmiliz YGP in Syrien kassieren? Glaubte er wirklich, Fetullah Gülen, den angeblichen Drahtzieher des Putschversuchs, in Handschellen mit in die Türkei nehmen zu können? So gesehen musste dieses Treffen scheitern. Sollte es Erdogan in Wirklichkeit darum gegangen sein, Argumente zu sammeln, um sich weiter vom Westen abzuwenden, dann wäre das Treffen doch ein Erfolg gewesen.

Aber gerade in diesem Fall hätte US-Präsident Donald Trump Erdogan einfangen müssen. Doch der Amerikaner ging auf das wichtigste Thema seines Gastes nicht einmal ein. Dass in der Frage der Bewaffnung der Kurden nicht nur kein Umdenken, sondern offenbar nicht einmal ein Denken stattgefunden hat, kann für die Türken nur bedeuten: Trump nimmt sie nicht ernst.

Chance vertan - wie Trump Erdogan in Putins Arme treibt
C. Buttkereit, ARD Istanbul
17.05.2017 12:09 Uhr

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Trump hat der Sicherheit einen Bärendienst erwiesen

Sein Gerede von einer großartigen Partnerschaft, die künftig unschlagbar werde - die Türken werden ihm das nicht mehr glauben. Mit seiner Oberflächlichkeit und Ignoranz hat Trump der Sicherheit in der Region einen Bärendienst erwiesen.

Verliert die Allianz gegen den IS die Türkei an ihrer Seite, dürfte es nicht nur schwieriger werden, den sogenannten "Islamischen Staat" zu bekämpfen. Die gesamte Region dürfte in noch größere Unsicherheit, in noch mehr Gewalt gezogen werden.

Die Türken wissen nun, dass sie sich auf Trump nicht verlassen können. Sie müssen sich selbst um ihre Sicherheit kümmern. Das ist eine schlechte Nachricht für die Türken, aber auch vor allem für die Kurden in der Region, die aus Ankaras Sicht immer noch die größte Bedrohung für die Türkei darstellen. Es ist aber auch eine schlechte Nachricht für die NATO. Trump treibt Erdogan in die Putins Arme. Ein Freund, der zwar auch seine eigenen Interessen verfolgt, aber der Türkei wenigstens den Eindruck vermittelt, sie ernst zu nehmen.

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 17. Mai 2017 um 06:14 Uhr

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