Kommentar

Zukunft Afghanistans Planlos, herzlos, skrupellos

Stand: 22.08.2017 10:53 Uhr

Mit der Vorstellung, den Konflikt in Afghanistan rein militärisch lösen zu können, kommt man nicht weit. Dafür sind die Kräfteverhältnisse im Land zu unübersichtlich. Auch fehlt es dabei an einer gemeinsamen politischen Idee.

Ein Kommentar von Silke Diettrich, ARD-Studio Neu Delhi

Die Gewalt in der afghanischen Politik, die Grausamkeiten im Krieg und die verworrenen Stränge sind mittlerweile so komplex, dass man ihnen kaum noch folgen kann. Die letzten Präsidentschaftswahlen wurden durch Fälschungen zur Farce. Der Vizepräsident hat sich monatelang mit seiner Leibgarde in Kabul verschanzt, jetzt ist er in der Türkei. Der Vorwurf: Er habe einen politischen Rivalen entführen, foltern und vergewaltigen lassen.

Die Sicherheitslage im Land wird immer prekärer: Jedes Jahr mehr Opfer, mehr Anschläge, seit zwei Jahren terrorisieren Anhänger des sogenannten Islamischen Staates das Land. Die Taliban liefern sich ständige Kämpfe mit den afghanischen Soldaten. 40 Prozent der Menschen sind arbeitslos, die, die Arbeit haben, wissen nicht, ob sie am Abend wieder unversehrt bei ihrer Familie sitzen können.

Planlos in Afghanistan

Und setzen die Afghanen auf den Westen? Nach den Anschlägen am 11. September ging es darum, den größten Terrorfeind der USA und der westlichen Welt zu jagen: Osama Bin Laden. Weil die Taliban ihm Unterschlupf gewährten, marschierte der Westen in Afghanistan ein. Mit der Idee, sich am Regime in Afghanistan dafür zu rächen, dass es die Topterroristen der Welt unterstützt hat.

Und dann? Es gab und gibt keinen politischen Plan für das Land. Um die Taliban zu stürzen, machte der Westen auch Menschenrechtsverbrecher zum Partner. Einige dieser Warlords stecken heute in schicken Designeranzügen. Der Gouverneur von Balch zum Beispiel - getrimmter Bart, eloquent, brutaler Kriegsfürst. Erst vor kurzem hat sein Sohn einem politischen Rivalen das Ohr abgebissen.

Sollten die Afghanen den Nachbarländern oder anderen aus der Region trauen? Auch die zerren mit ihren eigenen Interessen an dem Binnenstaat herum. Pakistan, der Iran, Russland, China, die arabischen Staaten und Indien mischen mit, unterstützen unterschiedliche Parteien in Afghanistan mit Geld oder Waffen, und keiner zieht an einem Strang.

Alle Kräfte zusammenbringen

Der US-Präsident hat etwas ganz Richtiges gesagt: "Wir gewinnen gerade nicht in Afghanistan." Warum, sei jetzt mal dahin gestellt. Die Frage ist allerdings, was genau will er dort gewinnen? Die Herzen der Afghanen sicher nicht, wenn er es nur mit Kriegsfürsten und Regierungsvertretern zu tun hat und Terroristen töten will, aber mit dem Aufbau des Landes nichts zu tun haben möchte. Und nun wird es wieder einmal mehr Soldaten geben. Dieser Krieg aber kann nicht mit Bomben gewonnen werden.

Eine gemeinsame politische Idee muss her. Eine friedliche. Alle müssen an einen Tisch, auch die Taliban. Optimal wäre es, wenn sich an dieser Idee alle Afghanen beteiligen würden, um in einem gemeinsamen friedlichen Afghanistan leben zu wollen, die Paschtunen, Tadschiken, Hazara, Usebken, darunter Sunniten oder Schiiten. Eine gemeinsame politische Idee, die die Afghanen selber tragen können, stark genug, um das internationale Gezerre um ihr Land abschütteln zu können. Aber das scheint eine naive Hoffnung zu sein.

Ende offen

Mit der Vorstellung, den Konflikt nur militärisch lösen zu können, kommt man nicht weit. Aus Sicht des Westens mag es darum gehen, sich vor islamistischem Terror zu schützen, falls dies so überhaupt möglich ist. Für die Afghanen geht es darum, ein dauerhaftes Kriegstrauma eines Tages als Vergangenheit betrachten zu können. Ende offen. Die Rede Trumps wird zum Cliffhanger einer nächsten Episode, die mit neuen Waffen und mehr Soldaten ein weiteres blutiges Kapitel in Afghanistan aufschlagen wird.

Wer will was in Afghanistan
Silke Diettrich, ARD Neu-Delhi
22.08.2017 08:33 Uhr

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Über dieses Thema berichteten am 22. August 2017 WDR 5 um 08:48 Uhr im "Morgenecho" und NDR Info um 10:50 Uhr.

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