Kommentar

Trumps Auftritt in Brüssel Mister Unberechenbar wütet wieder

Stand: 26.05.2017 01:58 Uhr

Wie Schulkinder hat Trump die Staats- und Regierungschefs beim NATO-Treffen abgekanzelt, meint Kai Küstner. Und die machen versteinerte Miene zum bösen Spiel. Bloß nicht Trump verärgern, bloß keine neue Angriffsfläche bieten.

Ein Kommentar von Kai Küstner, ARD-Studio Brüssel

"Mister Unberechenbar" Donald Trump hat der NATO komplett das Drehbuch verhagelt: Eigentlich hatten die Staats- und Regierungschefs beim Gipfel einen klaren Treueschwur zum Bündnis erwartet. Doch Trump funktionierte die Einweihung eines Mahnmals gegen den Terror im neuen NATO-Hauptquartier kurzerhand zu einer Lehrstunde in Sachen Militärbudgets um. Als habe er eine Schulklasse vor sich, wiederholte er seine Behauptung, Merkel und Co würden den USA "enorme Summen" schulden. Aus Bündnis-Sicht ein echter PR-Gau. Trumps NATO-Partner machten versteinerte Miene zum bösen Spiel.

Achtung, hier komme ich. Donald Trump, nachdem er Montenegros Premierminister Dusko Markovic zur Seite geschoben hat | Bildquelle: REUTERS
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Achtung, hier komme ich. Donald Trump, nachdem er Montenegros Premierminister Dusko Markovic zur Seite geschoben hat. Die Szene am Rande eines Fototermins sorgte für einige Aufregung im Netz.

Die NATO gibt sich alle Mühe

Dabei gibt sich die Allianz derzeit alle Mühe, nicht nur symbolisch die transatlantische Freundschaft zu beschwören: Das Gebäude des neuen Bündnis-Hauptquartiers soll zwei Hände darstellen, deren Finger - über den Atlantik hinweg - ineinandergreifen. Ein schönes Bild. Doch dass so manche NATO-Hand schweißnass geworden war, nachdem Trump im Wahlkampf die Bündnistreue in Frage gestellt hatte, lässt sich kaum verheimlichen.

Steve Kopack @SteveKopack
Did Trump just shove another NATO leader to be in the front of the group? https://t.co/bL1r2auELd

Bloß nicht Trump verärgern

Nun versucht die NATO dem Geschäftsmann Trump mit einem Tauschgeschäft beizukommen: "Zeigen wir Flagge im Kampf gegen den Terror und geloben wir, unsere Verteidigungsausgaben auch wirklich zu erhöhen, dann bezeichnest Du uns nicht mehr als veraltet oder hinfällig", so lautet der Deal. Bloß nicht Trump verärgern, bloß keine neue Angriffsfläche bieten, so lautet das Motto. Doch gemessen an den Worten des US-Präsidenten ist dieser Plan erstmal komplett gescheitert.

Gefühlt ist der Atlantik ohnehin mit dem Amtsantritt Trumps ein beträchtliches Stück breiter geworden, Europa und die USA trennt auf einmal mehr als ein Ozean.

Dass sich daran so schnell nichts ändern wird, wurde übrigens auch nach der Trump-Premiere bei der EU überdeutlich: Ausgerechnet dem "EU-Donald", Ratspräsident Donald Tusk und damit Namensvetter des US-Präsidenten, war es vorbehalten, Minuten nach dem Treffen vor die Presse zu treten.

Was ist mit Russland?

Bei dieser Gelegenheit verkündete der in seltener Klarheit, dass es bei den Themen Klimawandel und Handel nach wie vor Meinungsverschiedenheiten gibt. Und nicht nur das: "Ich bin mir nicht hundertprozentig sicher, dass wir eine gemeinsame Position gegenüber Russland haben", erklärte Tusk wörtlich. Und gab sich damit noch nicht einmal Mühe, mit Wortgirlanden zu verzieren, was sich nicht beschönigen lässt. Trump und die EU leben - der Beweis ist erbracht - auch mental weiter auf verschiedenen Kontinenten.

Nun war von Anfang an klar, dass es schwierig werden würde mit einem Mann im Weißen Haus, der den britischen Brexit bejubelte und der nahegelegt hatte, dass ihm die EU nicht nur herzlich egal ist, sondern dass ihm eine Zerlegung in ihre Einzelteile lieber wäre. Seit Trumps erstem Europa-Besuch ist nun aber auch deutlich geworden, dass der Atlantik so schnell nicht schmaler werden wird.

Völlig unberechenbar

Und selbst wenn der US-Präsident bei nächster Gelegenheit dann ausnahmsweise doch mal die richtigen Worte findet: Es ist vollkommen offen, ob der sprunghafte Mr. Trump dann nicht doch seine Zusagen kurze Zeit später - ob mündlich oder per Tweet - wieder zurücknimmt und damit aus dem so wichtigen transatlantischen Gebäude erneut ein Kartenhaus macht. Völlig unklar ist auch, was passiert, wenn der neue US-Präsident es eines Tages mit einer echten Krise zu tun bekommt.

Der Atlantik bleibt nach dem Trump-Besuch in Brüssel beunruhigend breit.

Redaktioneller Hinweis

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Über diese Thema berichtete am 25. Mai 2017 NDR Info in den Nachrichten um 21:00 Uhr und die Tagesthemen um 21:20 Uhr.

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