Kommentar

Korruptionsaffäre in Kanada Vollkatastrophe für den Pop-Premier

Stand: 07.03.2019 02:41 Uhr

Die Korruptionsvorwürfe gegen Trudeau sind gemessen an dem, was beim großen Nachbarn USA seit Trump passiert, ein großer Witz. Gemessen an kanadischer Ethik sind sie aber eine humorfreie Katastrophe.

Ein Kommentar von Georg Schwarte, ARD-Studio New York

"Pop-Premier", "Feminist in Chief", "Kennedy von Kanada", "Anti-Trump", "Gesicht des besseren Amerikas", Multilateralist und oberster Klimaschützer - dieser Justin Trudeau war schon so vieles. Als er mit einem Erdrutschsieg 2015 die bleiernen Jahre des konservativen kanadischen Premiers Stephen Harper beendete, war sein schönes Gesicht zugleich Projektionsfläche für die Wünsche der Welt. Im Süden Obama. Im Norden Trudeau. Yes we can. Das waren Zeiten damals, "Sunny ways" ("Sonnige Zukunft") sein Motto.

Heute, knapp dreieinhalb Jahre später, heißt es: "Cloudy days" - düstere Wolken über dem Gesicht, das Instagram zum politischen Mittel und Motiv-Socken zum Thema von G-7-Gipfeln machte. Trudeau, der Chef der Liberalen Partei, hat nicht nur das ohnehin liebenswürdige Image Kanadas in noch überzeichnetere Sphären gehoben, er ist damit auch zur liberalen Ein-Mann-Partei geworden. Die Liberalen sind Trudeau. Und die Liberalen schauen gerade verstört auf ihre Projektionsfläche und bekommen eine Ahnung davon, was passieren könnte, wenn dort nichts mehr außer Skandal zu sehen ist.

Korruption ist nichts für korrekte Kanadier

Der Vorwurf gegen Trudeau ist, gemessen an dem, was beim großen Nachbarn im Süden, den USA, seit Donald Trump passiert, ein großer Witz - gemessen an kanadischer Ethik aber eine humorfreie Katastrophe. Korruption ist nichts, was der korrekte Kanadier entschuldigen würde.

Ein Premier, der eine Firma, die unter Korruptionsverdacht steht, schützen will? Nichts, was Kanadier mögen. Ein Premier, der dazu eine Justizministerin unter Druck setzt - obendrein eine Angehörige der First Nations - ist gleich doppelt toxisch. Ein Premier und Feminist, der wegen all dem zwei Ministerinnen und seinen engsten Berater verliert, eine davon Trudeau beim Rausgehen noch nachruft, dass er seinen eigenen moralischen Standards nicht mehr genüge, ist eine Vollkatastrophe.

Vom Strahlemann zum Buhmann: Kanadas Premier Justin Trudeau. | Bildquelle: REUTERS
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Vom Strahlemann zum Buhmann: Kanadas Premier Justin Trudeau.

Im freien Fall

Jetzt muss der Meister des Politselfies, der Mann, der sogar Merkel schwärmen ließ, kämpfen. Denn seit Monaten schon scheint Trudeau nichts mehr zu gelingen: Da war der Stahlstreit mit den USA, ein drohender Handelskrieg, böse Worte und Strafzölle der Trump-Regierung. Da war der geplatzte G-7-Gipfel von Quebec, ein amerikanischer Präsident, der Trudeau eine schwache Person nannte. Und zugleich zeigen die Chinesen der Welt gerade am Beispiel von Trudeaus Kanada, was sie machen können, wenn ein Land sich China in den Weg stellt. Kanada sitzt derzeit zwischen allen Stühlen - und Trudeau befindet im freien Fall.

Der Vater Pierre war auch Premier, wurde übrigens damals auch von den Amerikanern beschimpft. Nixon nannte ihn einen Eierkopf. Pierre Trudeau allerdings regierte 15 Jahre und 164 Tage lang. Gut möglich, dass für seinen Sohn und Pop-Premier Justin im Oktober schon nach vier Jahren Schluss ist. "Cloudy Days" statt "Sunny Ways" eben.

Cloudy days statt sunny ways - Kanadas Pop-Premier Trudeau unter Druck
Georg Schwarte, ARD New York
06.03.2019 22:25 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 06. März 2019 um 19:10 Uhr.

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