Kommentar

Diagnose von Trisomie Schwangerschaft auf Probe

Stand: 22.03.2019 17:14 Uhr

Nach wissenschaftlichen Kriterien muss der Trisomie-Gentest für Schwangere von der Kasse bezahlt werden. Und nach ethischen? Peter Mücke befürchtet, dass der Druck auf werdende Eltern zunehmen könnte.

Ein Kommentar von Peter Mücke, ARD-Hauptstadtstudio

Wahrscheinlich ist es nur Zufall, dass der gemeinsame Bundesausschuss seine Empfehlung genau einen Tag nach dem Welt-Down-Syndrom-Tag veröffentlicht hat. Ein von den Vereinten Nationen anerkannter Gedenktag, der daran erinnern will, dass Trisomie 21 keine Krankheit ist, sondern eine genetisch bedingte, nicht veränderbare Veranlagung. Und dass Menschen, die diese Veranlagung haben, zur so oft zitierten Vielfalt einer Gesellschaft dazugehören. Noch jedenfalls. Denn die heutige Entscheidung stellt genau das in Frage.

Weniger Menschen mit Down-Syndrom?

Wenn in Zukunft die gesetzlichen Krankenkassen in Deutschland im Rahmen der Schwangerschaftsvorsorge einen Bluttest bezahlen sollen, der schon in den ersten Wochen mit hoher Treffsicherheit Auskunft darüber gibt, ob das Kind Trisomie 21 haben wird, braucht man nur wenig Phantasie, um vorherzusagen, dass noch weniger Menschen mit Down-Syndrom zur Welt kommen werden. Einige Experten befürchten, dass schon heute bis zu neun von zehn Kindern mit Trisomie 21 abgetrieben werden.

Die wenigen Eltern von Kindern mit Trisomie 21 werden sich in Zukunft noch mehr als heute schon mitleidigen bis vorwurfsvollen Blicken und Fragen ihrer Umgebung ausgesetzt sehen: "Habt Ihr das denn nicht vorher gewusst? Das kann man doch testen." Der Druck auf werdende Eltern wird noch mehr steigen, alle Risiken auszuschließen - mit der Gewissheit, die Schwangerschaft im Zweifel einfach beenden zu können. Eine Schwangerschaft auf Probe sozusagen.

Entscheider stecken in einem Dilemma

Der Bluttest, um den es geht, ist auch heute schon auf dem Markt. Laut Hersteller sind seit 2012 in Deutschland rund 75.000 Tests verkauft worden. Für die einfachste Variante müssen Eltern derzeit 129 Euro bezahlen - aus eigener Tasche. Wird der Gentest zur Kassenleistung, wie die Ultraschall-Untersuchung, ist das nicht nur für den Hersteller ein Milliardengeschäft. Es besteht die Gefahr, dass sich Eltern nicht ausreichend die Konsequenzen dieser für sie kostenlosen Untersuchung klarmachen: Im schlimmsten Fall eine Entscheidung über Leben oder Tod des gemeinsamen Kindes.

Der Bundesausschuss - das politisch unabhängige Gremium aus Ärzten, Kassen, Kliniken und Patienten - ist dabei in einem Dilemma. Denn er muss nach streng wissenschaftlichen Kriterien entscheiden. Und die sind relativ eindeutig: Der Bluttest ist zu 99 Prozent sicher und birgt deutlich weniger Risiken als die Fruchtwasseruntersuchung, die schon seit 1986 bei Risikoschwangerschaften Kassenleistung ist, aber Fehlgeburten auslösen kann. Nach der Logik des Gesundheitssystems kommt der Ausschuss gar nicht darum herum, dem Bluttest als bessere Alternative grünes Licht zu geben.

"Fundamentale ethische Grundfragen"

Schon früh hat der unparteiische Vorsitzende des Bundesausschusses, Josef Hecken, gewarnt, die Entscheidung berühre "fundamentale ethische Grundfragen unserer Werteordnung". Im April will sich der Bundestag in einer Orientierungsdebatte mit dem Thema beschäftigen.

Es wäre schön, zu diesem Anlass noch einmal den Schauspieler Sebastian Urbanski einzuladen. Vor zwei Jahren hat der 40-Jährige mit Down-Syndrom am Holocaust-Gedenktag im Bundestag an die Tötung von Behinderten im Dritten Reich erinnert. Heute sagt er, er bedaure es sehr, dass durch vorgeburtliche Tests "Menschen wie ich vor der Geburt aussortiert werden".

Kommentar: Schwangerschaft auf Probe? Pränatal-Bluttest als Kassenleistung
Peter Mücke, NDR
22.03.2019 17:13 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Redaktioneller Hinweis

Kommentare geben grundsätzlich die Meinung des jeweiligen Autors und nicht die der Redaktion wieder.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 22. März 2019 um 17:08 Uhr.

Darstellung: