Kommentar

"Befreiung" Aleppos Assads Schande

Stand: 15.12.2016 21:30 Uhr

Die Hinrichtung Tausender Zivilisten in Aleppo als Befreiung zu deklarieren, sei an Zynismus nicht zu überbieten. Und es sei sicher: Das Morden Assads werde weitergehen. Heute ist es Aleppo - morgen Idlib.

Ein Kommentar von Anna Osius, ARD-Studio Kairo

Es gibt Aussagen, die an Zynismus nicht zu überbieten sind. Die Videobotschaft des syrischen Präsidenten Assad ist so ein Fall. Da stellt sich dieser mehr als umstrittene Machthaber eines zerrütteten Landes hin, lächelt in die Handykamera und erklärt: An diesem historischen Tag schreibe jeder syrische Bürger Geschichte. Aleppo sei "befreit" - ein historischer Moment, erklärte Assad in seiner Videobotschaft, ausgestrahlt auf dem Kanal der syrischen Präsidentschaft. Was hier geschehe, sei "größer als Glückwünsche", so der Präsident. Jetzt, nach der Befreiung Aleppos, sei die Welt eine andere.

Sprachlos angesichts der Gräuel

Ja, die Welt ist eine andere, da haben Sie recht, Herr Assad. Aber was für eine Welt? Eine Welt, die ertragen musste, dass Zehntausende Zivilisten sinnlos in diesem Krieg zwischen die Fronten geraten sind. Dass Kinder gestorben sind, weil sie im Kugelhagel umkamen, von Bomben getroffen oder verschüttet wurden oder weil sie verletzt wurden und keine Gesundheitsversorgung mehr existiert. Dass Tausende Familien auf der Flucht sind, seit Tagen hungern und nicht wissen wohin.

Niemand kann den Horror in Ost-Aleppo in Worte fassen. Das ist die Welt Ihrer "Befreiung" Aleppos, Herr Assad.

Wie kann es sein, dass ein Staatschef der gesamten Welt derart ins Gesicht lügt? Und ohne mit der Wimper zu zucken, sein eigenes Volk umbringt?

Symbol kollektiven Versagens

Aleppo ist zum Symbol für einen gnadenlosen Krieg, für menschliches Leid geworden - und auch für das kollektive Versagen der internationalen Gemeinschaft.

Die Folge der jahrelangen westlichen Unentschlossenheit, wie mit Syrien umzugehen sei, war eine Steigerung der Gewalt. Nach allem, was in anderen Ländern des Nahen Ostens nach Interventionen passiert ist, ließ man die Finger von Syrien und hat Assads Gegner nur halbherzig unterstützt.

Grauen wird weitergehen

Aber eine Lehre aus Aleppo steht fest: Der Sturz eines langjährigen Machthabers heißt nicht unbedingt, dass es besser wird. Aber es gibt eine Chance, dass es anders wird. Die gibt es in Syrien nicht mehr. Im Gegenteil: Das Grauen wird weitergehen. Heute ist es Aleppo, morgen Idlib. Diese noch von Regierungsgegnern gehaltene syrische Provinz wird garantiert als nächstes gnadenlos bombardiert.

Das Traurige ist: Am Ende sind es Zahlen. Das Leid der Menschen verschwindet in den Geschichtsbüchern und die vielen Toten sind nur noch eine Nummer. Darauf setzen Assad und seine Verbündeten vielleicht.

"Schämen Sie sich, Herr Assad"

Aber jetzt sind wir alle Zeugen dessen, was in Aleppo passiert. Und wenn dieses Sterben ein Ende haben soll, dann muss etwas geschehen. 400.000 Tote hat der syrische Bürgerkrieg bislang nach Schätzungen gefordert. Und Sie, Herr Assad, sprechen von Glückwünschen? Schämen Sie sich.

Kommentar: Assad feiert "Befreiung" Aleppos
A. Osius, ARD Kairo
15.12.2016 21:00 Uhr

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Über dieses Thema berichtete das nachtmagazin am 15. Dezember 2016 um 00:00 Uhr.

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