Kommentar

Krisen in Südamerika Kontinent ohne Mitte

Stand: 11.11.2019 04:59 Uhr

Die Krisenherde in Südamerika verbindet ein tief greifendes Misstrauen gegen die Machthaber und eine anhaltende Spaltung der Gesellschaft. Es mangelt am Willen zum Ausgleich.

Ein Kommentar von Ivo Marusczyk, ARD-Studio Buenos Aires

Brennende Barrikaden, wütenden Demonstranten, Massen auf den Straßen, blanke Wut auf die Machthaber. Die Bilder aus Chile, Bolivien und Ecuador ähneln sich frappierend. Trotzdem muss man der Versuchung widerstehen, die Länder in einen Topf zu werfen. 

In Ecuador haben die Unruhen die Regierung gezwungen, Sprit wieder zu subventionieren - eine Regierung die mit linkem Programm angetreten war, aber einen liberalen Kurs fährt. Chile wiederum ist das reichste Land Südamerikas, nirgends gibt es so wenig Armut - aber bis weit in die Mittelklasse hat sich das Bild verfestigt, dass der konservative Präsident Piñera nur für seine Unternehmerfreunde Politik macht. Und dass vom Reichtum des Landes bei den meisten Chilenen nichts ankommt. In Bolivien klammerte sich ein Linkspopulist an die Macht und hat erst viel zu spät eingesehen, dass seine Zeit abgelaufen ist. Dass er trotz wirtschaftlicher Erfolge den Rückhalt bei einem großen Teil seiner Bevölkerung längst verloren hatte.  

 Kein Streben nach Ausgleich

Insofern greift selbst der schlichte Befund, in Südamerika gäre es wegen der sozialen Ungleichheit, viel zu kurz. Wenn es etwas gibt, was die verschiedenen Krisenherde in Südamerika gemeinsam haben, dann ist es die tief greifende Spaltung der Gesellschaft. Ein immer tieferes Misstrauen gegen die Machthaber - egal ob politisch rechts oder links.

Auch dafür lassen sich je nach Land unterschiedliche Gründe finden. Doch was sie gemeinsam haben: Es gibt keine Mitte. Kein Streben nach politischem oder gesellschaftlichem Ausgleich, keinen Kampf um die Mittelklasse, um die aufstrebenden Bürger - die es auch in Südamerika gibt. Die Politik verschanzt sich wie blind hinter ideologischen Barrikaden, die in anderen Teilen der Welt längst eingerissen sind. Die Berliner Mauer ist vor 30 Jahren gefallen - in der südamerikanischen Politik existiert genau diese in den Köpfen weiter.

Klientelpolitik statt Zukunftsperspektiven

Rechtspolitiker wie Sebastian Piñera in Chile oder Jair Bolsonaro in Brasilien betreiben rücksichtslose Klientelpolitik zu Gunsten der Großunternehmer - für Sorgen und Nöte ihrer Bevölkerung haben sie kein Ohr. Eine faire, soziale Politik, eine soziale Marktwirtschaft, das halten sie, wie eh und je, für ein Einfallstor des Kommunismus. 

Kommt dann die Linke an die Macht, geht das gut, solange sie großzügig Rohstoffeinnahmen verteilen kann. Doch in den meisten Fällen zementiert sie bestehende Strukturen und bläht den Staatsapparat unverantwortlich auf. Nirgends hat sie es geschafft, echte Zukunftsperspektiven zu entwickeln. Dass Unternehmer zumindest eine Chance brauchen, Geld zu verdienen, kommt in dieser Weltsicht nicht vor. Der nächste Abschwung trifft die unproduktive Wirtschaft der Länder dann umso härter - siehe Venezuela, Ecuador oder jetzt auch Bolivien. Und nichts deutet darauf hin, dass in Argentinien der bevorstehende Wechsel von rechts nach links irgendetwas verbessert. Im Gegenteil. Das radikale Herumreißen des Ruders verschärft nur die Gegensätze und die Probleme des Landes noch. Alle paar Jahre werden Pfründe und Posten neu verteilt - aber das Land kommt nicht voran. 

 Der Wechsel allein bringt keine Besserung

Konsens, eine faire Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums, Kompromisse sind in Südamerika noch immer Fremdworte. Das Gezerre um kleinste gemeinsame Nenner -Stichwort Grundrente - ist mühsam und mag lächerlich kleinteilig wirken. Der Vergleich mit Südamerika zeigt: Diese Kompromisssuche ist die Grundlage unseres Erfolgs und wir sollten wenigstens mal versuchen, darauf auch stolz zu sein. 

Evo Morales hat den Weg frei gemacht und in Chile wird der Druck auf Sebastián Piñera immer größer. Der politische Wechsel könnte ein Befreiungsschlag sein. Doch bis jetzt hat er in Südamerika meistens nur einen Ausschlag des Pendels in die Gegenrichtung -  aber nie eine grundlegende Wende zum Besseren. 

Kommentar: Südamerika - Kontinent ohne Kompromiss und Mitte

11.11.2019 14:36 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 11. November 2019 um 05:45 Uhr.

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