Kommentar

Bundestagsdebatte über Sterbehilfe "Sternstunde im politischen Berlin"

Stand: 02.07.2015 13:14 Uhr

Es ist selten, dass Debatten im Bundestag eine Gänsehaut auslösen, meint Martin Mair, Korrespondent im ARD-Hauptstadtstudio. Heute ist so ein Tag: Es sei eine würdige und ernste Diskussion gewesen, jenseits von Parteizwängen, Plattitüden oder politischem Geschacher.

Das ist mir so noch nie passiert: Bei einer Debatte im Bundestag habe ich Gänsehaut bekommen. Bravo - rufe ich unseren Politikern zu. Was da zwei Stunden über Sterbehilfe im Parlament gesagt wurde, verdient größten Respekt. Frei von irgendwelchen Parteizwängen, Plattitüden oder politischem Geschacher ging es nur um die Sache: Wie soll das aussehen - selbstbestimmtes Sterben? Was wollen wir, wenn der Punkt kommt, an dem wir sagen: Ich kann nicht mehr. Dürfen Ärzte uns dann helfen, das Leben zu beenden?

Erlöser oder Handlanger des Todes?

Sind sie willkommene Erlöser oder Handlanger des Todes? Diese existentiellen Fragen haben die Abgeordneten mit großer Würde und Ernst aufgeworfen - so persönlich und individuell, wie der Tod eben ist. Und wir alle sollten über ihn nachdenken, denn er sitzt immer mit am Tisch - auch wenn wir ihn oft nicht sehen wollen.

Ich selbst habe meine Antwort, wie mein Leben einmal enden soll, wenn die Schmerzen zu groß oder die Lebenslust zu klein ist. Und ich hoffe, dass mir dann ein Arzt helfen wird, wenn dieser Tag kommen sollte. Persönlich habe ich sogar einen im Auge, zu dem ich dann sagen werde: Ich kann nicht mehr. Hilf mir!

Druck auf Schwache und Einsame?

Persönlich unterstütze ich also die liberalen Anträge, die Medizinern die Beihilfe zum Suizid ausdrücklich erlauben wollen. Doch genauso verstehe ich jeden Abgeordneten, der zweifelt, ob das richtig ist: Erhöht das nicht doch den Druck auf Schwache und Einsame, die niemandem zur Last fallen wollen? Durchaus möglich. Denn beim Thema Sterbehilfe gibt es nicht richtig oder falsch, schwarz oder weiß. Es sind die Zwischentöne, die zählen.

Und weil genau die heute im Bundestag zu hören waren, darf man getrost von einer Sternstunde im politischen Berlin sprechen. Diesem Zirkus, der so oft erstarrten Regeln folgt. Heute waren sie belanglos - so muss es sein. Denn die Debatte um Sterbehilfe ist vor allem eine um die Frage: In welcher Gesellschaft wollen wir leben? Wie selbstbestimmt damit aber auch wie eigenverantwortlich?

Keine einfachen Antworten

Darauf kann es keine einfachen Antworten geben, die sich in Fraktionsinteressen zwängen lassen. Deshalb war das eine würdige, wichtige Debatte. Davon bitte mehr! Denn das Parlament hat uns heute gezeigt, was es kann: Auf hohem Niveau lebensnah diskutieren, ringen um Positionen und Lösungen. Das muss auch bei anderen großen und kleinen Themen möglich sein. Ich hätte gerne öfter Gänsehaut.

Warum wir mehr Debatten wie die um Sterbehilfe brauchen
M. Mair, ARD Berlin
02.07.2015 12:44 Uhr

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