Kommentar

Kandidatur für SPD-Vorsitz Höchste Zeit, dass sich Scholz erbarmt

Stand: 16.08.2019 16:47 Uhr

Mit Finanzminister Scholz hat sich endlich ein prominenter Politiker für die Kandidatur um den SPD-Vorsitz entschieden. Fehlt noch eine erfolgversprechende Duo-Partnerin - vielleicht findet er sie in Schwerin.

Ein Kommentar von Georg Schwarte, ARD-Hauptstadtstudio

Sieh mal an. Dieser Olaf Scholz. Kann ja doch spontan sein, der Hanseat. Wer Kanzler werden will, muss eben auch SPD-Chef können. Jetzt könnte er, falls er fündig wird. Gesucht: Frau, sympathisch, sozialdemokratisch - und im Idealfall nicht nur in ihrem SPD-Ortsverein bekannt. Scholz jedenfalls ist auf Partnerinnensuche. Das ist in diesen Tagen der Not für die SPD offenbar eine grandiose Nachricht.

Endlich ein Kandidat aus der ersten Reihe der SPD. Die erste Reihe ist bekanntlich eher überschaubar geworden. Dabei hatte dieser Scholz seine Kandidatur zuvor ausgeschlossen. Er sei kein Politdarsteller, nehme das Amt als Finanzminister zu ernst. Das war damals. Jetzt ist heute, die Lage düster, und Scholz schert sich nicht mehr um das Geschwätz von gestern. Gut so.

Große Not in der Partei

Willy Brandt nannte das "auf der Höhe der Zeit" sein. Scholz ist jetzt auf der Höhe der Zeit, weil er erkannt hat, dass es dafür höchste Zeit wird für seine SPD. Die Kandidatenkür geriet zur Karikatur. Die Not war groß, das Rufen der Genossen in den dunklen Wald ebenfalls: Erbarme sich doch einer aus der ersten oder zweiten Reihe.

Jetzt erbarmen sie sich. Gleich mehrfach. Franziska Giffey hätte sich auch gern erbarmt, wenn da nicht die Sache mit der Doktorarbeit wäre. Boris Pistorius erbarmt sich zusammen mit der Sächsin Petra Köpping, wohl weil Stephan Weil, der Niedersachse, sich nicht erbarmen möchte - und jetzt eben Scholz.

Kandidatur rüttelt wach

Dass Scholz auf Parteitagen von seinen Sozis sonst gern schlecht behandelt wird, dass sie den Aktenfresser und Finanzbeamten Scholz eigentlich immer noch als leicht schnöseligen Hamburger verorten, als Bessersozi im Zweireiher - geschenkt das alles.

Tritt Scholz an, kann er demnächst 23 Mal Abend für Abend auf der Kandidatentour beweisen, dass er besser SPD-Chef kann als der Oberbürgermeister von Bautzen, Alexander Ahrens. Oder als Ralf Stegner und Gesine Schwan. Die beiden übrigens haben der SPD mit ihrer Kandidatur vielleicht zumindest diesen einen Gefallen getan: Sie haben den Laden wachgerüttelt. Motto, das kann jetzt nicht alles gewesen sein.

Jetzt also Olaf Scholz, vorausgesetzt - er findet eine Partnerin. Kleiner Tipp: 0385 ist die Vorwahl von Schwerin. Dort könnte er Manuela Schwesig anrufen. Die ist Frau, die ist Osten, die ist sozialdemokratisch und sie kennen auch noch ein paar Menschen. Dass sie auch gesagt hat: "SPD-Chefin? Ich will nicht", muss ja nichts heißen. Olaf Scholz wird das am besten wissen - jetzt, da er wieder auf der Höhe der Zeit ist.

Kommentar: Olaf Scholz will für SPD-Vorsitz kandidieren
Georg Schwarte, ARD Berlin
16.08.2019 15:16 Uhr

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Über dieses Thema berichtete NDR Info im Echo des Tages am 16. August 2019 um 18:30 Uhr.

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