Kommentar

Martin Schulz in Bonn | Bildquelle: dpa

SPD-Chef angezählt Schulz erlebt sein Waterloo

Stand: 21.01.2018 22:45 Uhr

Die Schwäche von Martin Schulz wurde offensichtlich: Flehen statt Mitreißen - der SPD-Chef erlebte in Bonn sein Waterloo, meint Angela Ulrich. Das reicht maximal noch zwei Jahre. Und dann? Eine hat sich unfreiwillig beworben.

Ein Kommentar von Angela Ulrich, ARD-Hauptstadtstudio, zzt. Bonn

Autsch, war das knapp. Die SPD-Delegierten haben sich in Bonn zu einem Ja zu Koalitionsverhandlungen gequält. Martin Schulz kann sich bei Andrea Nahles bedanken. Wäre die Fraktionschefin nicht wie eine Löwin auf die Bühne gestürmt und hätte für die GroKo gebrüllt - wirklich gebrüllt - vielleicht wäre es noch in die Hose gegangen.

Denn die Gegner eines neuen schwarz-roten Bündnisses waren die Sieger der Herzen auf diesem denkwürdigen SPD-Parteitag. Juso-Chef Kevin Kühnert, der gesittete Rebell, hat mit seiner zehnminütigen Rede weit mehr Applaus bekommen als der SPD-Vorsitzende in einer knappen Stunde. Weil das Herz vieler Genossen sagt: Nichts wie raus aus der GroKo! Der Verstand aber am Ende lauter gerufen hat: Stopp, hiergeblieben. Deutschland braucht uns, es ist zu riskant zu gehen.

Schulz - für viele Genossen bereits verglüht

Dramatisch war, wie matt Schulz in diesem so wichtigen Moment daherkam. Und nicht nur, weil er offenbar etwas vergrippt war. Da war auch eine Mutlosigkeit, ein Flehen eher denn als ein Mitreißen - es war ein Waterloo für den SPD-Vorsitzenden.

Das knappe Ja für seinen Kurs stärkt ihn nur wenig - und auch nur sehr kurzfristig. Zu offensichtlich ist, dass der frühere Heilsbringer für viele Genossen verglüht ist. Dass Schulz noch keinen Putsch fürchten muss, liegt daran, dass auch die gesamte weitere Vorstandsriege angeschrammt ist. Dass sich weiter niemand traut, in dieser wenig komfortablen Lage das Steuer an sich zu reißen. Und dass der Martin ja irgendwie auch ein lieber Kerl ist.

Die Partei hat gewonnen

Auf Dauer wird das nicht reichen. Denn dieser intensive Tag in Bonn zeigt: Die Partei ist selbstbewusster geworden. Sie als Ganzes ist die Gewinnerin - denn sie ist eben nicht auseinandergeflogen, hat hart diskutiert, blieb aber respektvoll und fair.

Darauf kann Schulz aufbauen, sofern er noch die Kraft dazu hat. Mehr als ein Mann des Übergangs wird er für die SPD nicht mehr werden - höchstens zwei Jahre noch, dann muss ein anderer ran, oder eine andere. Andrea Nahles hat - vielleicht unfreiwillig - schon mal eine Bewerbungsrede gehalten.

Kommentar zur knappen Mehrheit für Koalitionsverhandlungen
Angela Ulrich, ARD Berlin
21.01.2018 22:07 Uhr

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Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 21. Januar 2018 um 22:45 Uhr.

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