Kommentar

Suche nach Parteispitze Die SPD-Seele lebt noch

Stand: 04.09.2019 22:10 Uhr

Eine Veranstaltung voller Überraschungen war die erste SPD-Regionalkonferenz: Es präsentierte sich eine selbstkritische, nachdenkliche, leidenschaftliche Partei. Tot ist die SPD noch lange nicht.

Ein Kommentar von Georg Schwarte, ARD-Hauptstadtstudio

Wann wir streiten Seit an Seit. Die Sozis mal wieder. Streiten können sie ja. Und das war gut so. Dieser erste Abend - auf den 22 weitere folgen werden, war voller Überraschungen: Großen und kleinen. Erste große Überraschung. Sie lebt noch, die sozialdemokratische Seele. Sie ist noch da, mit leichten Stellen im Blech, aber tiefer Grundierung: die Ehre, Sozialdemokrat zu sein.

Das war zu spüren in der Halle in Saarbrücken, die - auch so eine Überraschung - zu klein war. Eine Halle zu klein für die SPD. Manchmal muss die Krise offenbar erst existenziell werfen, bevor der normale Sozi aufwacht. Nächste Überraschung. Das kompliziert anmutende Format - es funktioniert. 17 Kandidaten, die viel mit und weniger übereinander sprechen, gar streiten. Nächste Überraschung: Das erste Team hat schlappgemacht. Die Bürgermeister aus Flensburg und Bautzen. Die Nummer zu groß für die beiden. Das erkennt auch nicht jeder sofort. Respekt. 

Balsam für die Sozi-Seele

Diese SPD jedenfalls macht sich öffentlich sehr nackt. Auch angreifbar. Spricht eigenes Versagen selbst an und aus. Und auch das ist gut so. Den Luxus, Vorsitzendenkarrieren im Willy-Brandt-Haus zu machen und zu beenden, den Luxus hat eine Zwölf-Prozent-Partei offenbar nicht mehr. Die Kandidanten haben das begriffen, schonen weder sich noch die Genossen. Da sitzt ein Olaf Scholz, ein Vizekanzler, Finanzminister und lässt sich von einem einfachen Saar-Sozi aus dem Saal  fragen, warum er, der doch alle ins Tal der Tränen führte, jetzt weiter führen will. Scholz erträgt es. Lächelnd.

Es war ein Abend voller Respekt und eben Überraschungen. Ralf Stegner und Gesine Schwan, der Miesepeter und die Professorin, sie ausgerechnet streichelten Soziseelen. Der lauteste Beifall des Abends für Stegners Hinweis, er habe Respekt für alle, die früher mal Verantwortung trugen. Der Nachtrag: Die könnten jetzt hin und wieder mal die Klappe halten. Eine SPD auf der Suche nach sich selbst. Von der Seitenlinie erwartet kein Genosse mehr Hilfe.

Die Wiederbelebung der SPD

In Saarbrücken hat sie begonnen - die Wiederbelebung einer Volkspartei. Sehr ehrlich wirkte das. Und das Thema, das so groß schien wie die Große Koalition schlecht? Ja, sie haben es angesprochen. Die GroKo. Lauterbach will raus, Pistorius will Bilanz ziehen, Walter-Borjans sagt, auch in der Opposition könne man gestalten. Aber nicht ein Zuschauer hat danach gefragt. Es gab Wichtigeres bei der Suche nach Führung als die große Koalitionsfrage.

Auch so eine Überraschung an einem Abend, nach dem die SPD immer noch eine verstörte, führungslose Partei ist. Aber eine Partei, die so streitet, ist vielleicht schwer angeschlagen. Tot ist sie nicht. Im Saarland sagen sie: Großes entsteht im Kleinen. Manchmal auch mit kleinen Überraschungen. Dass ausgerechnet Stegner sagte, er kandidiere, damit die Genossen wieder mehr zu lachen haben, ist auch eine dieser lustigen kleinen Überraschung gewesen.

Kommentar: Wann wir streiten Seit an Seit - Die Sozis und die Kandidatenkür
Georg Schwarte, ARD Berlin
04.09.2019 22:02 Uhr

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Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 04. September 2019 um 22:15 Uhr.

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