Kommentar

Spahn zu Hartz IV Weit weg von der Realität

Stand: 12.03.2018 13:42 Uhr

Wer Hartz IV bekommt, muss nicht zwangsläufig hungern - doch Spahns Äußerungen sind trotzdem abgehoben. Dem neuen Gesundheitsminister ist die Lektüre des Koalitionsvertrags zu empfehlen - und Einfühlungsvermögen.

Ein Kommentar von Dirk Rodenkirch, ARD-Hauptstadtstudio

Jens Spahn hat sicher nicht ganz unrecht: Deutschland hat eines der weltweit besten Sozialsysteme. Und wer Hartz IV bekommt, muss nicht hungern - zumindest nicht zwangsläufig. Wobei ein Kind darauf wenig Einfluss hat: Für Essen stehen ihm pro Tag etwa drei Euro zu, wenn es von Hartz IV lebt. Da müssen die Eltern schon gut und hart kalkulieren, damit es täglich fürs Pausenbrot und vernünftige Mahlzeiten reicht.

Abgehoben und weit weg von der Realität

Abgehoben und ziemlich weit weg von der Realität zeigt sich Spahn aber mit seiner Behauptung, Hartz IV bedeute keine Armut. Für einen Technokraten aus dem Bundesfinanzministerium wie Spahn, der vermutlich keine Geldsorgen hat, mag das so sein. Mit großem Aufwand wird der Hartz-IV-Satz genau bemessen - darauf legt der CDU-Mann wert.

Ausprobiert, wie man mit so wenig Geld auskommt, hat er vermutlich noch nicht - und Kunde einer Tafel dürfte er auch nicht sein. Also kennt er auch das Gefühl nicht, für Essen anzustehen, etwa um seinem Kind zum Pausenbrot auch noch etwas Obst legen zu können.

Es geht um Teilhabe am gesellschaftlichen Leben

Abgesehen davon bedeutet Armut weit mehr als die Frage, ob man hungern muss oder nicht: Es geht auch um Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Um das Gefühl, dazuzugehören oder abgehängt zu sein. Ob mein Kind immer nur zusehen muss, wenn seine Freunde ins Kino, Schwimmbad oder in den Sportverein gehen.

Ein nicht unbedeutender Hinweis findet sich auch im neuen Koalitionsvertrag, dass nicht alles so rund läuft in Deutschland. Allein 33 Milliarden Euro will die neue Bundesregierung ausgeben, um in Deutschland für gleichwertige Lebensverhältnisse zu sorgen - eben, weil auch Politiker von Union und SPD, zumindest einige, begriffen haben, dass sich viele Menschen im Land mit ihren Problemen alleingelassen und nicht wahrgenommen fühlen oder vielleicht auch einfach arm sind.

Einfühlungsvermögen erwünscht

Im "Familien"-Kapitel des Koalitionsvertrags steht übrigens noch der Satz: "Wir werden ein Maßnahmenpaket zur Bekämpfung der Kinderarmut schnüren."

Also, Herr Spahn, den druckfrischen Vertrag vielleicht einfach nochmal lesen und sich künftig auf die Gesundheit konzentrieren - Ihren neuen Job. Auch da soll Einfühlungsvermögen gar nicht schaden.

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 12. März 2018 um 06:50 Uhr.

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