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Kommentar: Scharia in Libyen? Bloß keine Panik!
Kommentar zu Ankündigung des Übergangsrats

Scharia in Libyen? Bloß keine Panik!

Von Björn Blaschke, ARD-Hörfunkstudio Kairo

Es war ein seltsames Signal: Der Vorsitzende des Nationalen Übergangsrates erklärte das Ende des Unabhängigkeitskampfes gegen Muammar al Gaddafis Diktatur. Und fast im selben Atemzug erklärte er, dass in Libyen fortan kein Gesetz mehr der Scharia widersprechen werde - also dem islamischen Recht. Künftig sollen Männer wieder vier Frauen heiraten dürfen und nicht mehr nur - wie unter Gaddafi - eine.

So viele Meinungen, wie der Prophet Barthaare hatte

Beim Wort Scharia zucken die Menschen im Westen reflexartig zusammen, sehen gesteinigte Frauen, geköpfte Männer - wie im Iran oder in Saudi-Arabien. Aber die Scharia ist mehr als das, was Iraner und Saudis Schreckliches aus ihr machen. Die Scharia ist etwas, das in den unterschiedlichen Rechtsschulen der so genannten islamischen Welt höchst kontrovers diskutiert wird. Von Menschen, die so viele Meinungen hegen, wie Prophet Mohammed Barthaare hatte.

Wenn man von Saudi-Arabien und Iran spricht, müssen auch andere Länder erwähnt werden: Libanon und Syrien zum Beispiel. Dort gilt für Muslime ebenfalls die Scharia - in Familienrechtsfragen und in Erbschaftsangelegenheiten. Auf die katholischen Christen aber wird dort der "Codex Juris Canonici" angewandt, also katholisches Kirchenrecht. Parallel dazu existieren Gesetze, die gleichermaßen für alle Bürger dieser Länder geschrieben wurden. Ähnlich verhält es sich in Ägypten oder im Irak.

Fundamentalisten betonen Unumstößlichkeit ...

Das heißt nicht, dass diese Praxis gut ist. So verstößt das islamische Erbschaftsrecht aus westlicher Sicht gegen die Grundrechte von Frauen, denn sie werden in der Scharia als dem Mann nicht gleichwertig betrachtet. Und: Fundamentalistische Muslime betonen auch immer wieder, dass das göttliche - das koranische - Recht unumstößlich sei und über allen von Menschen geschriebenen Gesetzen stehe.

... liberale Rechtsgelehrte die Veränderung

Liberale Rechtsgelehrte, Philosophen, Revolutionäre - denkende Menschen jedenfalls halten dagegen, dass sich der Islam - wie jede andere Religion - ständig verändere, im besten Falle modernisiere. Deshalb könnten auch die Konflikte zwischen universellem Recht, zum Beispiel den Menschenrechten, und der Scharia geregelt werden - wenn denn die Politiker es nur wollten.

Letzters wiederum lässt sich gut an Syrien festmachen: De jure gelten die Menschenrechte auch für syrische Bürger, weil entsprechende Pakte ratifiziert wurden. De facto jedoch tritt die Clique um Präsident Bashar al Assad die Menschenrechte mit Füßen - respektive überrollt sie mit Panzern. Und das hat herzlich wenig mit Religion zu tun sondern ausschließlich damit, dass sich die machtversessenen Mörder in Damaskus an überhaupt keine Gesetze halten.

Ja, es war ein seltsames Signal, das der Vorsitzende des Nationalen Übergangsrates aussandte, als er ankündigte, dass in Libyen fortan kein Gesetz mehr der Scharia widersprechen werde. Aber Libyen steht erst am Anfang eines langen und zähen Prozesses, aus dem unter anderem ein neues Rechtssystem hervorgehen soll. Bis dahin werden die Libyer viel diskutieren, streiten, ringen.

Die Menschen im Westen täten gut daran, diesen Prozess zu begleiten: Kritisch - mit kühlem Kopf und ohne reflexartiges Zusammenzucken, weil mal wieder das Wort Scharia fällt.

Stand: 24.10.2011 16:36 Uhr

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