Kommentar

König Salman von Saudi Arabia | Bildquelle: AP

Machtpolitik Saudi-Arabiens König Salmans gefährliches Spiel

Stand: 04.01.2016 00:05 Uhr

Das saudische Königshaus wird die Geister, die es rief, nicht los: Das Bündnis mit den Wahhabiten - Anhängern einer rigiden und intoleranten Auslegung des Islam - sichert die Macht der königlichen Familie. Doch der Preis ist hoch, meint Sabine Rossi.

Von Sabine Rossi, ARD-Studio Kairo

Kann Saudi-Arabien wirklich gemeint haben, mit Hinrichtungen Botschaften zu senden? Wenn ja, dann ist eines klar: Diese Botschaften werden so nicht ankommen.

Die Idee skrupellose Terroristen, wie den selbst ernannten "Islamischen Staat" oder Al Kaida, mit Hinrichtungen einzuschüchtern, ist naiv - um nicht zu sagen: töricht. Der IS ist bemüht, sich in jedem seiner Videos selbst in seiner Brutalität zu übertreffen. Und für die Dschihadisten ist es ohnehin das höchste Lebensziel als Märtyrer zu sterben. Daher hat diese erste Botschaft der Hinrichtungen bei ihnen und ihren Sympathisanten den Adressaten verfehlt. Vielmehr werden die vollstreckten Todesurteile den Terroristen weiteren Zulauf bringen, und in Saudi-Arabien gibt es viele, die ihren Ideen nicht abgeneigt sind.

Das saudische Königshaus befindet sich in einem Dilemma: Die Geister, die es rief - und auf die, die Monarchie selbst begründet ist - wird es nun nicht los. Für das Bündnis, das die königliche Familie Al Saud mit den Wahhabiten eingegangen ist und das ihr die Macht sichert, zahlt sie einen hohen Preis. Der Wahhabismus, diese rigide und intolerante Auslegung des Islams, beansprucht für sich als einzige, den Islam richtig zu interpretieren.

Nährboden für islamischen Extremismus

Saudi-Arabien belässt es aber nicht dabei, diese Saat im eigenen Land zu säen. Vielmehr fördert es die Verbreitung des Wahhabismus. Nicht nur in muslimischen Ländern, überall finanzieren reiche Saudis oder staatsnahe Institutionen saudische Schulen, saudische Prediger, saudische Fernsehsender …

Damit bereitet die saudische Regierung den Nährboden für den islamischen Extremismus - und für eine weltweite Bedrohung. Al Kaida und der IS bedienen sich des Wahhabismus. Sie haben auch Saudi-Arabien den Krieg erklärt. Denn in ihren Augen ist die Monarchie nicht konsequent und bandelt außerdem mit dem Westen an. Wie kaum ein anderes arabisches Land investiert Saudi-Arabien nun in den Kampf gegen eben diesen Terror. Dabei reagiert es brutal auf alles und jeden, der ihm gefährlich werden könnte. Doch diese Härte schlägt zurück wie ein Bumerang.

Tod Nimrs fordert den Iran heraus

König Salman spielt ein gefährliches Spiel. Denn auch die zweite Botschaft der Hinrichtungen ist nicht angekommen. Mit Nimr al Nimr wurde einer der wichtigsten schiitischen Geistlichen in Saudi-Arabien hingerichtet, einer, der zu friedlichem Protest aufgerufen hatte. Dass die Schiiten im Land das nicht als Gleichbehandlung zu den Sunniten verstehen - kein Wunder. Sie gelten den strengen Wahhabiten ohnehin nicht als Muslime, sondern als Ungläubige. Der Tod Nimrs ist für sie ein weiterer Angriff, keine Gleichbehandlung. Die Stabilität im Land, an der dem Königshaus so viel gelegen ist, fördert dies also nicht, nur die Spaltung.

Und es fordert den Rivalen Iran heraus - denn dort ist eine Botschaft angekommen. Iran, von wo der Protest an Nimrs Tod derzeit am lautesten kommt, täte allerdings gut daran, einmal in den Spiegel zu schauen. Die Kontrahenten Iran und Saudi-Arabien nehmen beide obere Plätze in den Hinrichtungsstatistiken der Menschenrechtsorganisationen ein. Und auch sonst sind sie sich ähnlicher, als ihnen lieb ist: Ebenso wie Saudi-Arabien verbreitet Iran seine Ideologie in der Welt.

Saudi-Arabien bricht Beziehungen zu Iran ab
S. Rossi, ARD Kairo
03.01.2016 23:49 Uhr

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Stellvertreterkriege in Syrien und im Jemen

In Stellvertreterkriegen tragen sie ihren Kampf um die Vormacht in der Region offen aus. Leidtragende sind die Menschen im Jemen und in Syrien. Bei beiden Kriegen übt sich die Welt im Wegschauen.

Die internationale Gemeinschaft sollte sich jedoch fragen: Wohin führen diese ganzen fehlgeleiteten Botschaften - nicht nur in der Region, sondern weltweit? Es wäre gut, wenn die Politiker bei Staatsbesuchen nicht nur hinter verschlossenen Türen die Menschenrechte ansprächen. Über Rüstungsexporte und Wirtschaftsverträge ließe sich Druck ausüben. Letztlich sollte dies sogar im Interesse des saudischen Königs sein: Denn, wenn er an dem Bündnis mit den Wahhabiten festhält, wird dies seine Monarchie auf lange Sicht schwächen, vielleicht einmal zu ihrem Ende führen. Saudi-Arabien wird weiter viel Geld ausgeben, um den Terrorismus zu bekämpfen, gleichzeitig sät es seine Ideologie, auf die sich neue Terroristen berufen.

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Dieser Beitrag lief am 03. Januar 2016 um 23:09 Uhr im Deutschlandfunk.

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