Kommentar

Rückzug von Harry und Meghan Die Queen der Moderne

Stand: 14.01.2020 05:02 Uhr

Die Queen hat das Prinzip der königlichen Familie als Firma jahrzehntelang perfektioniert. Nun, im hohen Alter, ist sie immer noch flexibel genug, um das Haus Windsor in die Moderne zu führen.

Ein Kommentar von Jens-Peter Marquardt, ARD-Studio London

Elizabeth II. setzt neue Standards. Sie ist auch im hohen Alter von 93 Jahren noch flexibel genug, die britische Monarchie zu modernisieren und an neue Zeiten anzupassen. Die Queen erweist sich so erneut als Segen für den Fortbestand des Hauses Windsor. Sie beharrt nicht mehr auf dem Modell, dass sie nach Beginn ihrer Regentschaft vor fast 70 Jahren eingeführt hatte: Beteiligung der gesamten Familie an den königlichen Pflichten. Umbau der Familie zu einer Firma, die gemeinsam die Hofgeschäfte führt.

Dieses Modell hatte über viele Jahre durchaus Vorteile: Die Royals waren so quasi omnipräsent. Während die Einen durchs Commonwealth reisten und die Verbindungen zu den Ländern des ehemaligen Empire pflegten, schnitten die Anderen Bänder durch, um überall im Vereinigten Königreich neue Brücken frei zu geben oder Bahnhöfe einzuweihen und konnten gleichzeitig noch zahlreichen Wohltätigskeitsorganisationen royalen Flair verleihen, während die konservativen Regierungen den Sozialetat zusammenstrichen.

Die britischen Royals sind heute eine weltweite Marke

Die Monarchie hat so geholfen, das Land, das immer mehr auseinanderzubrechen droht, noch einigermaßen zusammenzuhalten. Und gleichzeitig die besondere Rolle Großbritanniens in der Welt aufrecht zu erhalten, zumindest die Illusion davon. Die britischen Royals sind heute eine Marke, mit weltweitem, aber auch nationalem und lokalem Wert.

Doch dieses Modell ist spätestens jetzt an seine Grenzen gestoßen: Denn es bedeutet, dass nicht nur die Monarchin oder der Monarch sich den strengen Regeln des Hofes unterordnet, sondern auch die weitere Verwandtschaft. Schon Prinzessin Diana hatte damit Schwierigkeiten. Prinz Andrews Eskapaden können in diesem Modell nicht mehr als Privatsache abgetan werden. Und Prinz Harry leidet nicht erst seit der Heirat mit Meghan darunter, dass kaum eine junge Frau von heute bereit ist, zu Gunsten des Hofes Unabhängigkeit und Selbstbestimmtheit aufzugeben. Und dann auch noch unter erbarmungsloser und häufig unfairer Beobachtung der Presse zu stehen.

Vorpreschen Harrys und Meghans beschleunigt Transformation

Prinz Charles, der Thronfolger, hatte deshalb bereits Ideen entwickelt, die den Hof verschlanken und mehr Freiheiten für die weitere Familie bringen sollen. Eigentlich erst für seine Zeit auf dem Thron. Doch das kühne Vorpreschen von Harry und Meghan hat die Transformation der britischen Monarchie jetzt beschleunigt. Die Sussexes werden in Zukunft ein freieres Leben führen können, auch fernab von London.

Der Weg, den sie dafür gegangen sind, hat für Verletzungen gesorgt, vor allem beim Oberhaupt der Familie. Es zeigt den Charakter der Queen, dass sie sich nun nicht von diesen Verletzungen hat leiten lassen. Sondern einmal mehr den Dienst an der Monarchie und für das Land in den Vordergrund gestellt hat. Sie hat die jungen Royals nicht aus der Familie verstoßen, sondern macht den uralten britischen Hof fit für die Zukunft. Elizabeth II. erweist sich so auch im hohen Alter noch als wertvollstes Mitglied der Familie.

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Über dieses Thema berichtete NDR Info am 14. Januar 2020 um 07:50 Uhr.

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