Kommentar zu Pakistan: Demokratie muss langsam wachsen

Kommentar

Kommentar zur Wahl in Pakistan

Demokratie muss langsam wachsen

Pakistan gibt die Hoffnung nicht auf: Millionen glauben an die Demokratie und stehen vor den Wahllokalen. Doch die zarte Pflanze Demokratie kann nur langsam wachsen, meint Kai Küstner. Pakistan hat in seiner Lage keine andere Wahl.

Von Kai Küstner, ARD-Hörfunkstudio Neu-Delhi

Pakistan wählt. "Na und?" werden jetzt viele einwenden. Bestimmt da nicht ohnehin das Militär die Politik? Haben gewählte Regierungen nicht bislang stets eindrucksvoll unter Beweis gestellt, dass sie unfähig sind, das bittere Los der Menschen zu verbessern? Haben nicht auch in den Jahren, in denen es keine Militärdiktatur gab, die Extremisten und Islamisten das Land immer noch weiter an jenen Abgrund herangeführt, in den Pakistan heute blickt? Das alles ist nicht falsch. Und doch ist diese Wahl wichtig.

Zum einen beweisen all jene, die dem Terror und den Taliban trotzen und an die Urnen treten, dass sie nicht bereit sind, sich dem Würgegriff der Extremisten tatenlos zu ergeben. Beweisen, dass sie trotz eines blutigen Wahlkampfs, trotz verheerender Anschläge auch am Wahltag selbst, die Hoffnung nicht aufgegeben haben. Dass es in Pakistan eben - neben so vielem anderen - auch so etwas wie Demokratie gibt. Und Millionen, die an sie glauben. Das ist das eine.

Zum anderen sollten wir das wahrlich Einmalige und Historische an dieser Wahl nicht unterschätzen: Eine zivile Regierung hat eine ganze Amtszeit durchgehalten. Sie wird von einer gewählten Regierung abgelöst. Das hat es in Pakistan noch nie gegeben.

Historische Wahl in Pakistan
K. Küstner, ARD Neu-Delhi
11.05.2013 13:47 Uhr

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Weg vom Abgrund

Wenn das Land überhaupt eine Chance haben will, wieder ein paar Zentimeter vom Abgrund wegzurücken, dann geht das nur, in dem das selbstzerstörerische Pendel angehalten wird, das - so verlässlich wie ein Metronom - auf eine Phase der zivilen Regierung stets eine Militärdiktatur folgen ließ. Demokratische Pflänzchen aber brauchen Zeit zum Wachsen. Zum Reifen.

Korruption zum Beispiel lässt sich nur bekämpfen, wenn eine Regierung nicht nach dem Motto verfährt: Wir haben nur wenig Zeit an der Macht, also raffen wir für uns zusammen, was wir nur können. Insofern ist es zunächst mal gut, wenn die Demokratie-Pflanze nicht sogleich wieder von einem Armee-Stiefel zertrampelt wird.

Leider war’s das dann aber auch mit den guten Nachrichten. Die nächste Regierung, wie auch immer die sich zusammensetzt, blickt in einen klaffenden Abgrund. Leider hat die alte Regierung dafür gesorgt, dass das Land nur noch weiter darauf zugeschlittert ist. Eine Umkehr ist also nötig. Nun erwartet keiner, dass die Taliban über Nacht verschwinden oder die Islamisten die Straßen, auf denen sie regelmäßig demonstrieren, sofort räumen.

Regierung muss Vertrauen der Bevölkerung gewinnen

Es kommt nun darauf an, überhaupt mal den Versuch zu unternehmen, auch nur eines der Probleme zu lösen: Reformen umzusetzen, die die darbende Wirtschaft in Gang bringen. Auch wenn’s wehtut: Menschen, die Geld haben, auch Steuern zahlen zu lassen. Dafür zu sorgen, dass die Bevölkerung wieder ausreichend mit Gas und Strom versorgt wird.

Das wäre ein Anfang. Und würde dem Eindruck entgegen wirken, dass auch zivile Regierungen nur im Sinn haben, sich selbst zu bereichern und ansonsten nichts für das Land zu tun. Pakistan hat keine Wahl: Es braucht jetzt eine gewählte Regierung, die das Vertrauen der Menschen gewinnt und damit die demokratische Kultur stärkt.

Alles andere hilft den Islamisten, die dadurch in den Köpfen und Herzen der Pakistanis noch mehr Raum erobern könnten, als sie ohnehin schon haben. Hilft dem Militär, das eines Tages wieder die Macht übernehmen könnte mit dem Satz auf den Lippen: "Die Zivilisten können es nicht." Und hilft damit, das Land irgendwann ganz in den Abgrund hineinzustoßen.

Dieser Beitrag lief am 10. Mai 2013 um 12:49 Uhr auf NDR Info.

Stand: 11.05.2013 13:42 Uhr

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