Kommentar

Skandal um Organtransplantationen Transplantation - ein gutes Geschäft für viele

Stand: 20.07.2012 17:41 Uhr

Von Peter Mücke, NDR, ARD-Hauptstadtstudio

Allen Beteuerungen und Beschwichtigungen zum Trotz: Offenbar ist es in Deutschland doch ziemlich einfach, das Verfahren zu manipulieren, mit dem Spenderorgane an bestimmte Empfänger verteilt werden. Mit einem simplen Trick hat es ein Oberarzt der Uniklinik Göttingen geschafft, das System ab absurdum zu führen - indem er nämlich einfach die Blutwerte manipulierte, Patienten kränker machte als sie sind, damit sie auf der Warteliste nach oben rutschen.

Dass die Manipulation in diesem Fall aufgeflogen ist, zeigt leider nicht, wie vom Bundesgesundheitsminister behauptet, dass die Aufklärungsmechanismen funktionieren. Denn es waren nicht die Deutsche Stiftung Organtransplantation, Eurotransplant oder die Deutsche Transplantationsgesellschaft, die die Ermittlungen ins Rollen gebracht haben. Es war ein anonymer Hinweis aus der Klinik selbst. Sonst würden die Machenschaften möglicherweise noch heute weitergehen.

Viele Beteiligte in der Kritik

Der Fall zeigt, wie intransparent tatsächlich das System ist. Wer entscheidet eigentlich am Ende über die Verteilung von Spenderorgangen - und damit in letzter Konsequenz über Lebenschancen? Dass zuletzt auch heftige Vorwürfe gegen die Deutsche Stiftung Organtransplantation erhoben worden sind, stärkt nicht gerade das Vertrauen. Die Rede ist von finanziellen Unregelmäßigkeiten, nicht nachvollziehbaren Entscheidungen und Vetternwirtschaft. Der kaufmännische Vorstand trat zurück.

Das alles zeigt auch: Transplantationsmedizin ist kein reiner Altruismus, sondern ein gutes Geschäft. Und nicht nur für einen Mediziner, der sich möglicherweise von einem verzweifelten Patienten schmieren lässt. Rund 150.000 Euro verdient eine Klinik ganz legal an einer Lebertransplantation. In Zeiten, in denen Unternehmensberater den Krankenhäusern vermitteln, wie man möglichst viel Geld aus einem Patienten herausholen kann, weckt auch die Organspende Begehrlichkeiten - und Anreize zur Manipulation.

Selbst, wenn es sich in Göttingen wirklich nur um einen Einzelfall handeln sollte. Die Folgen sind fatal. Mit knapp 15 Organspendern auf eine Million Einwohner liegt Deutschland im internationalen Vergleich ohnehin schon im unteren Drittel. Gerade erst hat der Bundestag eine Änderung des Transplantationsgesetzes beschlossen, um mehr Menschen zu überzeugen, nach ihrem Tod Organe zur Verfügung zu stellen. In den kommenden Monaten sollen alle Versicherten angeschrieben und überzeugt werden, einen Organspenderausweis auszufüllen. Die Bereitschaft, das auch zu tun, dürfte durch die jüngsten Vorfälle bestimmt nicht gestiegen sein.

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