Kommentar

Kommentar zum Erdogan-Treffen Auch Fußball ist politisch

Stand: 15.05.2018 17:53 Uhr

Das Treffen der Nationalspieler Özil und Gündogan mit dem türkischen Präsidenten Erdogan war dumm. Es zeigt aber auch, dass mehr politische Debatte den Fußballern gut tun könnte.

Ein Kommentar von Marcel Heberlein, ARD-Hauptstadtstudio

Wow, das war dumm. Haben Mesut Özil und Ilkay Gündogan wirklich gedacht, dass ihr Fünf-Sterne-Hotel-Treffen mit dem türkischen Präsidenten keine große Sache ist? Ein lustiger Fototermin mit Shake-Hands und Trikotübergabe?

Schon in fünf Wochen wird in der Türkei gewählt. Erdogan will Präsident bleiben, diesmal mit quasi unbeschränkter Macht. Dass ein öffentlicher Auftritt von zwei Fußballstars mit ihm auch eine politische Dimension hat, dass Fußball generell in der Türkei eine höchst politische Sache ist - auf die Idee kann man auch ohne Hilfe kommen.

Wenig überzeugend

Was Gündogan zur Verteidigung sagt, ist wenig überzeugend. "Fußball ist unser Leben und nicht die Politik." Was für ein Käse. Von großer Macht kommt halt auch ein bisschen Verantwortung. Und große Macht haben die beiden. Geld, Aufmerksamkeit, sie sind Vorbild für viele Jugendliche. Da darf man auch ein bisschen politische Reflexion erwarten. "Ey, wir haben das ja extra nicht selber in den sozialen Medien gepostet", verteidigt sich Gündogan noch. Doch das macht es nicht besser. Im Gegenteil.

Es zeigt, dass die beiden da offenbar doch nicht so blauäugig reingetappst sind, wie sie behaupten. Dass sie durchaus kurz begriffen haben, dass ein Foto mit Erdogan etwas anderes ist als ein Werbeshooting für Schoko-Creme. Politisch wird das ganze Schauspiel zusätzlich noch durch Gündogans ehrerbietige Trikot-Widmung für den türkischen Möchtegern-Sultan.

Mehr politische Debatte könnte Fußballern gut tun

Wie steht Gündogan zu Erdogan und seinem Verhalten? Die Frage kann man mal stellen und mit ihm darüber diskutieren. Egal, wie die Antwort ist, Deutschland sollte sie aushalten können. Gerade diejenigen auf der politischen Rechten sollten das können, die jeden zweiten Tag eine angebliche Meinungsdiktatur beklagen. Mehr offene politische Debatte, das könnte ja offenbar auch Fußballern ganz gut tun.

"Ist doch nur Sport, das hat mit Politik nichts zu tun." Das Argument war schon immer falsch. Dass auch der DFB da keine weiße Weste hat - im Umgang mit Russland zum Beispiel und dass auch die Bundesregierung Panzer- und Flüchtlingsdeals mit Erdogan macht, die Erdogan innenpolitisch helfen: klar, das stimmt.

Darum geht es hier aber nicht. Der eigene Mist wird nicht dadurch besser, dass ein anderer auch Mist baut. Das gilt auch für die AfD. Dass sie nun versucht, aus der dummen Aktion der Nationalspieler Kapital zu schlagen, ist so vorhersehbar wie traurig. Für die AfD sind Deutsche mit Migrationshintergrund keine echten Deutschen. Genau diese Ablehnung ist es aber, die es Menschen wie Gündogan und Özil manchmal so schwer macht, wirklich daran zu glauben, dass Deutschland auch ihr Land ist.

Redaktioneller Hinweis

Kommentare geben grundsätzlich die Meinung des jeweiligen Autors und nicht die der Redaktion wieder.

Dieser Beitrag lief am 15. Mai 2018 um 12:39 Uhr im Deutschlandfunk.

Darstellung: