Kommentar

Knapper Sieg von Özdemir Start mit einer Art Misstrauensvotum

Stand: 18.01.2017 17:53 Uhr

Mit Cem Özdemir hat sich das Schwergewicht bei der Urwahl der Grünen durchgesetzt - allerdings nur mit knappem Vorsprung vor dem vermeintlichen Außenseiter Robert Habeck. Was wie ein Erfolg aussieht, sei in Wahrheit ein herber Dämpfer.

Ein Kommentar von Angela Ulrich, ARD-Hauptstadtstudio

Das eigentlich Erstaunliche an dieser Urwahl der Grünen ist nicht der Sieger. Cem Özdemir ist der Bekannteste der drei männlichen Bewerber. Er hat sich - gerade zur Türkei oder zur Sicherheitspolitik-– zuletzt immer und immer wieder zu Wort gemeldet.

Viel erstaunlicher ist das Ergebnis des Zweitplatzierten. Robert Habeck aus Kiel. Der bundespolitisch unbekannte, aber regierungserprobte Umwelt- und Landwirtschaftsminister in Schleswig-Holstein hat nur um Haaresbreite gegen das Schwergewicht Özdemir verloren. 75 Stimmen, bei fast 34.000 Wahlvoten - das ist nichts. Und damit ein herber Dämpfer für Özdemir. Der ist zwar der Sieger - startet aber mit einer Art Misstrauensvotum in den Wahlkampf.

Özdemir spürt Unzufriedenheit der Basis

Ebenso viele Grüne wollten den ruhigeren, kompromissbereiten Umweltpolitiker Habeck an der Spitze sehen. Der angekündigt hat: Ich verändere die Partei, ich sorge für Unruhe! Das fällt jetzt zwar aus, aber Özdemir spürt dieses Versprechen im Nacken. Und die Unzufriedenheit eines ziemlich großen Teils der Grünen-Basis mit ihm und der Partei.

Was Özdemir jetzt daraus macht, wird spannend. Ob er weiter polternd oder auch mit Demut auftritt. Und: wie er und Spitzenfrau Katrin Göring-Eckardt mit dem linken Flügel der Partei umgehen. Denn das ist die zweite Erkenntnis der Wahl: Zwei von drei Grünen wollen eher Realo- als linke Positionen. Da ist es keine Überraschung, dass Winfried Kretschmann, der regierende Ober-Realo aus Baden-Württemberg, aus vollem Herzen gratuliert.

Grünen-Basis konservativer als Delegierte

Die Partei kann gewinnen, wenn sie den Mini-Schwung aus der Urwahl tatsächlich für einen Aufschwung in Richtung Geschlossenheit nutzt. Die etwas gezwungen wirkende Gratulation des Verlierers Anton Hofreiter ans Gewinner-Duo spricht allerdings nicht sofort dafür. Hofreiters Debakel zeigt einmal mehr: Die Grünen-Basis und auch Grünen-Wähler sind nicht so links wie Parteitagsdelegierte, sondern konservativer und pragmatischer. Rufe nach einer Vermögenssteuer werden nun deutlich leiser erschallen. Die Grünen können das als Gefahr begreifen - oder als Chance.

Kommentar zu Özdemirs Zittersieg
A. Ulrich, ARD Berlin
18.01.2017 17:49 Uhr

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Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 18. Januar 2017 um 17:00 Uhr.

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