Kommentar

US-Präsident Barack Obama | Bildquelle: AFP

Obama auf Abschiedstour Beruhigungspillen helfen nicht

Stand: 17.11.2016 21:06 Uhr

Obama weiß, dass vieles von seiner Politik mit der Wahl Trumps vor dem Aus steht. Ein bitteres Wissen, das man dem Noch-Präsidenten anmerkt. Doch gerade jetzt sollte Obama noch einmal klare Worte sprechen, statt die eigenen Wunden zu lecken.

Ein Kommentar von Sabrina Fritz, ARD-Studio Washington

Abschiede sind immer traurig, dieser ist bitter. Mit dem Besuch des US-Präsidenten endet mehr als die Beziehung Merkel/Obama. Es endet eine Ära.

Obama hat das in Berlin wie folgt ausgedrückt: "Ich habe immer das getan, was ich für richtig gehalten habe, auch wenn es politisch unbequem war." Seine Integrität ist für einen Politiker herausragend. Die Vorstellung, er habe ein Verhältnis mit einer Praktikantin, ist so abwegig wie ein Kind für den Papst. Er war einem Kriegsdienstverweigerer näher als einem Oberbefehlshaber.

Dass dieser Mann nun vor den Scherben seiner Politik steht, ist nicht fair, aber wer würde schon die Worte Politik und fair miteinander verbinden? Obama ist verletzt und das merkte man ihm bei seinem Besuch an. Keine Rede und keinen Handschlag für die Berliner. Er verkroch sich in seiner Limousine, im Hotel und im Kanzleramt. Alles wofür er und auch die Bundeskanzlerin in den vergangenen Jahren gekämpft haben, droht sich in Luft aufzulösen: Klimapolitik, eine offene Gesellschaft, Frieden.

Obama hat Fehler gemacht

Obama ist daran nicht unschuldig. Putin hat er unterschätzt, nannte Russland eine regionale Macht. Er liebt es, zu dozieren, hielt immer wieder Vorträge über Demokratie. Damit erreicht er aber nur die, die schon ein offenes Herz haben. Die Trump-AfD-LePen-Anhänger verstehen nur Bahnhof.

"Ich bin immer Optimist", sagt Obama. Es wird alles nicht so schlimm werden mit dem neuen Präsidenten. Tatsächlich? Er hat mit Donald Trump erst ein Mal gesprochen, eineinhalb Stunden im Weißen Haus. Die USA machen gerade einen gewaltigen Ruck nach rechts. Der Präsident, das Parlament und das wichtige Verfassungsgericht bleiben über Jahre in der Hand der Republikaner.

Ein "Weiter so" wird es nicht geben. Das hat die Kanzlerin erkannt. Nüchtern stellte sie fest, dass in den USA leider nach zwei Amtsperioden Schluss ist. Der TÜV wird nicht verlängert, dann muss man sich jetzt mit dem Nachfolgemodell arrangieren. Oder wie sie es ausdrückte: Der Wahlkampf ist vorbei, unser Ziel ist nun, mit der neuen Regierung zusammenzuarbeiten.

Europa darf sich nicht einlullen lassen

Der gerade so dünnhäutige Obama hätte sich vielleicht ein bisschen mehr Wärme gewünscht. Er versucht nun, den Übergang so professionell wie möglich zu gestalten. Das spricht für seinen Anstand. Aber er ist nicht der Sprecher von Trump. Ehrliche Worte helfen jetzt mehr als Beruhigungspillen. Europa darf sich nicht einlullen lassen. Die nächsten Jahre erfordern höchste Wachsamkeit - sowohl was die Lage in Europa als auch was die Zusammenarbeit mit den USA betrifft.

Merkel ließ sich nicht entlocken, ob sie noch mal antritt. Aber die Entscheidungen in Großbritannien und Amerika sind auch für sie eine Warnung, dass der Wähler ein sehr fremdes Wesen sein kann.

Kommentar: Obama in Berlin - der bittere Abschied
S.Fritz, SWR
17.11.2016 20:24 Uhr

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Über dieses Thema berichtete die Tagesschau am 17. November 2016 um 20:00 Uhr.

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