Kommentar

Aung San Suu Kyi und die Rohingya Eine Rede voller Gleichgültigkeit

Stand: 19.09.2017 14:11 Uhr

Nach langem Schweigen hat Aung San Suu Kyi eine windelweiche Rede zur Verfolgung der Rohingya gehalten. Damit hat sie die Chance verpasst, in Myanmar etwas zu bewegen. Es zeigt sich, dass der selbst lange Verfolgten das Schicksal der Rohingya ziemlich egal ist.

Ein Kommentar von Holger Senzel, ARD-Studio Südostasien

Wochenlang hat Aung San Suu Kyi geschwiegen zu den Verbrechen an den Rohingya - heute hat sie Menschenrechtsverletzungen im Rakhine-Staat verurteilt. Sie hat keine Schuldigen benannt, obwohl die normalerweise sehr zurückhaltenden Vereinten Nationen längst von ethnischer Säuberung sprechen. Sie hat auch die Armee nicht kritisiert, obwohl der UN Satellitenbilder vorliegen, auf denen burmesische Soldaten Flüchtigen in den Rücken schießen.

Sie versteht, dass die internationale Gemeinschaft beunruhigt ist über Berichte brennender Dörfer und Hetzjagden hasserfüllter Buddhisten auf Muslime - aber sie versteht nicht, wieso die Menschen immer noch massenhaft nach Bangladesch flüchten, wo sich die Situation doch inzwischen beruhigt habe und immerhin mehr als die Hälfte aller muslimischen Dörfer nicht angezündet wurden. Die Flüchtlinge aus Bangladesh dürften aber gern zurückkommen, auch wenn es keine Garantie gäbe.

Absehbar belanglos

Es war eine ziemliche Wischi-Waschi-Rede, aber das war zu erwarten. "Wir sind noch keine perfekte Demokratie" - das war der vielleicht entscheidendste Satz darin. Als De-Facto-Regierungschefin wird die Siegerin der ersten demokratischen Wahlen in den Medien tituliert, doch de facto hat immer noch die Armee das Sagen im einstigen Burma. Sie besetzt das Innenministerium und das Verteidigungsressort, und wollte man ihre Macht beschneiden, ginge das nicht ohne Zustimmung der Militärs.

Sie haben sich da eine ziemlich geniale Verfassung gebastelt und sie haben sogar das verbriefte Recht, bei Gefährdung der Sicherheit die demokratisch gewählte Regierung abzusetzen und wieder als Junta zu regieren. Sollte die sogenannte De-Facto-Regierungschefin also zu sehr aufmucken gegen die Herren in Grün - dann ist sie weg vom Fenster.

Niedergang einer Ikone

Es ist schon ein bisschen traurig, dass die Frau, die 20 Jahre von den Militärs in Hausarrest gesteckt wurde, jetzt mit genau jener Armee gemeinsame Sache macht. Womöglich sagt sie sich, dass der Zweck die Mittel heiligt und der Übergang zur Demokratie nur mit der Armee funktioniert - nicht gegen sie. Dabei könnte die Ikone der Demokratie es sich durchaus leisten, mal ein bisschen deutlicher zu werden.  

In Myanmar wird Aung San Suu Kyi wie eine Heilige verehrt, im Radio laufen bis heute Lieder über ihre Heldentaten, die Generäle würden durch eine Konfrontation mit Mutter Suu eine Menge riskieren. Sie hat vielleicht nicht wirklich politische Macht, aber ihr Wort Gewicht, und es könnte einiges bewegen in dieser unperfekten Demokratie.

Nun, die Chance hat sie heute verpasst. Stattdessen bat sie die internationale Gemeinschaft um mehr Zeit, um die Probleme des Landes zu lösen. Die Rohingya haben keine Zeit. Aung San Suu Kyi weiß das natürlich, aber sie ist eben auch burmesische Nationalistin und hat hinreichend gezeigt, dass ihr das Schicksal der Rohingya - wie den meisten ihrer Landsleute - letztlich ziemlich gleichgültig ist.

Kommentar zu Rede Aung San Suu Kyi
Holger Senzel, ARD Singapur
19.09.2017 15:04 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 19. September 2017 um 12:25 Uhr.

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