Kommentar

Kanzlerin in der Talkshow Merkel geht aufs Ganze

Stand: 29.02.2016 08:50 Uhr

Ist Merkel noch bei Sinnen? Und ob, sagt Angela Ulrich. Die Kanzlerin kämpft und versucht endlich, besser zu erklären, warum sie das alles in der Flüchtlingskrise tut. Sie setzt alles auf eine Karte - und sie setzt auf Europa.

Ein Kommentar von Angela Ulrich, ARD-Hauptstadtstudio Berlin

Nein, sagt Angela Merkel, ich habe keinen Plan B. Aber verdammt noch mal die Pflicht und Schuldigkeit, Europa auf einen gemeinsamen Weg zurückzubringen. Da ist die Kanzlerin stark, als sie für ihre Verhältnisse hoch emotional aus sich herausgeht bei Anne Will. Sie ist vorgerutscht auf die Sesselkante. Ihre Hände rudern in der Luft. Was müsste passieren, damit sie umsteuert? Angela Merkel guckt kurz überrascht. Der Mund zuckt, die Augen groß - und nach einer Pause sagt sie: nichts. Ganz einfach NICHTS. Wie bitte?

Die Kanzlerin steht zu ihrem Weg, das macht diese Stunde im Ersten überdeutlich. Merkel geht aufs Ganze. Und Sie spricht davon, dass Europa am Ende gestärkt aus der Krise hervorgehen könnte. Trotz der Stacheldrahtzäune auf der Balkanroute. Trotz Österreich und der Wiener Obergrenze. Trotz der massiven Kritik an ihr aus so vielen anderen europäischen Ländern.

Ist Merkel noch bei Sinnen? Und ob! Die Kanzlerin kämpft. Und versucht endlich, besser zu erklären, warum sie das alles tut. Auf Europa setzen. Die Türkei mit ins Boot holen. Außengrenzen schützen, aber drinnen weiter auf Freizügigkeit setzen. Sie macht das nicht, weil sie einen Spleen hat, sondern weil sie ein europäisches Gefüge retten will, von dem man fast den Eindruck hat, dass es dieser Mühe im Moment kaum noch wert ist.

Stop! Auf jeden Fall doch, ist die Botschaft der Kanzlerin. Wir haben doch Griechenland nicht gerettet in der Eurokrise, um es jetzt hängen zu lassen?!

Manchmal verzweifelt, aber ...

Stark ist Merkel auch, als sie klar macht, wie verzweifelt auch sie manchmal ist. Aber dass Politik nicht dazu da ist, um à la Seehofer Probleme zu beschreiben. Sondern à la Merkel Probleme anzupacken und zu lösen. Es zumindest versuchen. Eine Obergrenze? Die will sie weiter nicht benennen, weil eine Zahl in drei Wochen eh Schall und Rauch wäre, sagt die Pragmatikerin.

Merkel mutet uns jede Menge zu mit diesem Auftritt: an Realismus, an Ehrlichkeit. Zumindest in ihren europäischen und internationalen Bemühungen ist das stark. Da ist es wieder, ihr: "Wir schaffen das!"

"Das wird schon wieder" - reicht nicht

Wo sie aber erschreckend schwach bleibt, ist die Frage: WIE schaffen wir das in Deutschland? Woher kommen Lehrer, Kita-Erzieher, Sprach- und Integrationskurse? Was antwortet sie Bürgermeistern, die Sporthallen wieder an Turnvereine zurückgeben wollen? Wie will sie den Rechtspopulisten Einhalt gebieten? Das wird schon wieder, sagt Merkel fast lapidar, aber das reicht nicht als Antwort.

Die Kanzlerin will nicht umsteuern. Sie setzt alles auf eine Karte und verspricht nichts, was sie - zumindest aus jetziger Sicht - nicht halten kann. Das ist ehrenhaft und mutig. Und dass sie sich vor wieder entscheidenden Tagen in eine Talkshow setzt, zeigt, dass Merkel verstanden hat, dass sie mehr erklären und vermitteln muss. Endlich. Doch bei der Vision fürs eigene Land bleibt sie den Bürgern weiter zu viel schuldig.

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Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 29. Februar 2016 um 09:15 Uhr.

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